Personalkostensenkungen

EnBW-Chef wendet sich mit "offenem Brief" an Mitarbeiter

In einem "offenen Brief" hat der Vorstand des Energiekonzerns EnBW die Mitarbeiter über die Vorgänge zur Reduzierung der Personalkosten informiert. Um Missverständnissen entgegenzutreten und ein Höchstmaß an Transparenz zu gewährleisten, wurde der Ernst der Lage deutlich ausgesprochen.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Für die Mitarbeiter der zu den fünf größten deutschen Energieversorgernen gehörenden Energie Baden-Württemberg AG wird es ernst. EnBW-Vorstandschef Utz Claasen will die Personalkosten um 350 Millionen Euro reduzieren. Auf der Agenda stehen daher Kündigungen, der Abbau übertariflicher Leistungen, Frühruhestand und die Nichtverlängerung befristeter Verträge. Jetzt wandte sich der Vorstand mit einem "offenen Brief" an die Mitarbeiter. Wir veröffentlichen diesen nachfolgend in der Originalversion.

Bitte gestatten Sie uns, uns heute auf diesem Wege zu einem schwierigen Thema und in einer schwierigen Situation an Sie zu wenden. Wie Sie selbst aus nächster Nähe wissen, hat in den vergangenen Tagen das Thema der erforderlichen Kostensenkungen und dabei auch insbesondere Personalkostensenkungen die konzerninterne und externe Öffentlichkeit stark beschäftigt. Um hierbei möglicherweise entstandenen Missverständnissen entgegenzutreten und um für Sie ein Höchstmaß an Transparenz über die aktuell vorhandene Situation zu gewährleisten, möchten wir gern die folgenden Punkte festhalten:

1. Wir haben großes Verständnis für die in der Belegschaft entstandene Unruhe und Verunsicherung, und wir können auch die Enttäuschung und Verärgerung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die entstandene Situation gut nachempfinden. Sie haben diese Situation – den Rekordverlust von 927 Millionen Euro im 1. Halbjahr 2003 – weder zu verantworten, noch haben Sie sie verursacht, noch haben Sie sie gekannt. Dennoch müssen Sie nun einen Teil der Konsequenzen tragen. Dies ist für alle Beteiligten sehr schwierig, und es ist sicherlich auch ungerecht.

2. Leider sind die beabsichtigten Personalkostensenkungen jedoch unabwendbar erforderlich, um das Überleben und die Wettbewerbsfähigkeit der EnBW nachhaltig zu sichern. Unter dem Strich ist es sozialer, die EnBW als Organismus langfristig am Leben zu erhalten und damit den größten Teil der Arbeitsplätze im Kerngeschäft Energie zu sichern, als den Gesamtorganismus - und damit sehr viel mehr Arbeitsplätze als erforderlich - in Gefahr zu bringen.

3. Die hierzu notwendigen tiefen Einschnitte fallen auch dem Vorstand nicht leicht. Sie sind aber ökonomisch zwingend erforderlich. Der anstehende Personalabbau - eine konkrete Zahl kann erst am Ende der laufenden Verhandlungen genannt werden - ist keinesfalls Ausdruck des Wunsches des Vorstandes, er ist ausschließlich eine unausweichliche Konsequenz der vorgefundenen Situation. Es ist in letzter Konsequenz weder Ihr noch unser Personalabbau, sondern der Personalabbau derer, die die entstandene Situation zu verantworten haben.

4. Es ist leider nicht so, wie gelegentlich behauptet wird, dass das Unternehmen im Kerngeschäft angemessene Erträge erzielt. Das Vorsteuerergebnis des 1. Halbjahres 2003 war auch im Geschäftsfeld Strom negativ. Gemäß der gültigen Prognose wird der Konzern auch im 2. Halbjahr 2003 ein negatives Vorsteuerergebnis ausweisen müssen. Im Kontext mit der Eigenkapitalquote per 30.06.2003 von nur 6,1 Prozent sowie der erheblichen Verschuldung des Unternehmens ist dringlichster Handlungsbedarf gegeben.

5. Völlig unabhängig von den Ertragsbelastungen aus Altlasten ist eine Kostensenkung um 1 Milliarde Euro bis zum Jahr 2006 erforderlich, um den Konzern in eine nachhaltig wettbewerbsfähige Position zu bringen.

6. Um die erforderliche Kostensenkung in Höhe von 1 Milliarde Euro erreichen zu können, ist nach unserer Einschätzung im Bereich der Personalkosten eine Einsparung in Höhe von 350 Millionen Euro unumgänglich, zumal erhebliche Teile unserer Gewinn- und Verlustrechnung kurzfristig gar nicht aktiv beeinflussbar sind (z. B. Energieeinkauf, Brennstoffe, Abschreibungen).

7. Das Einsparziel in Höhe von 350 Millionen Euro bei den Personalkosten ist seit dem 4. Juli öffentlich bekannt und kann deshalb nun für niemanden überraschend sein. Den Arbeitnehmervertretern ist seit Anfang Juli auch ein Szenario verschiedener Elemente bekannt, mit denen nötige Einsparungen aus Sicht des Vorstandes erreicht werden können.

8. Aus Sicht des Vorstandes können hierbei verschiedene Elemente zum Tragen kommen: Die Nichtverlängerung befristeter Arbeitsverträge, Frühruhestandsregelungen, Aufhebungsverträge, betriebsbedingte Kündigungen sowie eine Wertkomponente. Je mehr Einsparungen aus der Wertkomponente geholt werden können, umso weniger Einsparungen müssen aus Personalabbaumaßnahmen generiert werden. In diesem Sinne hat der Vorstand ja auch vorsorglich all jene Betriebsvereinbarungen mit Wirkung zum 1. Januar 2004 gekündigt, welche kostenintensive Sozialleistungen betreffen, die über das tarifliche Niveau hinausgehen.

9. Wie die einzelnen möglichen Elemente konkret eingesetzt werden, ist vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen noch offen und im Übrigen auch eine Frage der Priorisierung durch die Arbeitnehmervertreter. Das Konzept des Vorstandes ist dem Verhandlungspartner gleichwohl bekannt.

10. Es gibt keinen Beschluss des Vorstandes über einen Abbau von 3.700 Arbeitsplätzen. Die von den EnBW-Betriebsräten per Mitteilung vom 29. September 2003 genannte entsprechende Zahl hat insofern keine Grundlage. Der Vorstand bedauert, dass derart unsubstantiierte Zahlen erheblich zur Verunsicherung beigetragen haben.

11. Die entsprechende Pressemitteilung des Arbeitskreises der EnBW-Betriebsräte im Energiebereich (AK Energie) entspricht auch nicht der Vereinbarung aus den Ende Juli stattgefundenen Sondierungsgesprächen zwischen Arbeitnehmervertretern und Arbeitsdirektor. Es war damals das gemeinsame Verständnis, dass vor dem Hintergrund der aktuellen Unternehmenssituation auch ein erheblicher Beitrag des Personals erforderlich ist, und es bestand Einigkeit, dass über die Einzelheiten der Verhandlungen keine Verlautbarungen gegenüber der Presse erfolgen sollten.

12. Für den Vorstand sind nicht bestimmte Personalabbauzahlen entscheidend. Entscheidend ist, dass wir am Ende die angestrebte Personalkostensenkung in Höhe von 350 Millionen Euro erreichen.

13. Der Vorstand kann sich dabei auch eine Vier-Tage-Woche ohne Lohnausgleich vorstellen. Diese Idee wurde dem Verhandlungsführer unserer Arbeitnehmervertretung bereits vorgetragen und ist nicht erst über die Presse in die Diskussion eingebracht worden.

14. Es ist auch Sache der Arbeitnehmervertreter zu entscheiden, ob oder inwieweit auf einem derartigen Weg betriebsbedingte Kündigungen überflüssig werden können. Das Konzept der Vier-Tage-Woche ist durchaus auch in der Energiewirtschaft anwendbar.

15. Die Erfordernis erheblicher Personalkostensenkungen war auch vor dem Wechsel an der Unternehmensspitze schon gegeben und den Verantwortlichen eindeutig bekannt. Die Ziele des seinerzeit beschlossenen Top-Fit-Programmes hätten ohne erhebliche Einsparungen auch im Personalbereich nicht einmal ansatzweise erreicht werden können.

16. Das Top-Fit-Programm wurde seither auf eine feste Basis gestellt, um die neuen Erkenntnisse angereichert sowie von der HGB- in die IAS-Welt übertragen. Daraus ergibt sich die Einsparnotwendigkeit in Höhe von 1 Milliarde Euro bis zum Jahre 2006. Die Maßnahmen basieren insofern auf Plänen des früheren Vorstands, deren Auswirkungen seinerzeit möglicherweise nicht mit der gebotenen Klarheit kommuniziert worden sind.

17. Die eingeleiteten Maßnahmen zur Kostensenkung und auch die angestrebte Einsparung in Höhe von 350 Millionen Euro bei den Personalkosten wären dementsprechend auch unabwendbar erforderlich, um die Ertragsziele der bisher gültigen Mittelfristplanung zu erreichen, die seinerzeit auch von den Arbeitnehmervertretern mitgetragen wurde.

18. Der Vorstand definiert in diesem Sinne derzeit diejenigen operativen Maßnahmen, die erforderlich sind, um die auch von den Arbeitnehmervertretern mitgetragenen Planwerte erreichen zu können. Insofern ist der Vorstand seinerseits überrascht über die Überraschung, die das Thema Personalkostensenkung jetzt ausgelöst hat.

19. Die Belegschaft hat aus Sicht des Vorstandes einen Anspruch auf schnelle Antworten, Transparenz und Klarheit. Je länger die Situation der Unklarheit und Verunsicherung anhält, umso schwieriger wird die Lage für alle Betroffenen. Aus diesem Grunde wird Herr Dr. Beck den Arbeitnehmervertretern ergänzend zu dem bestehenden Verhandlungszeitplan ein weiteres Spitzengespräch zur zügigen Abklärung der wichtigsten Fragen anbieten.

20. Der Vorstand ist auch weiterhin bestrebt, eine einvernehmliche Regelung über die anstehenden Maßnahmen zu erzielen. Sollte dies nicht möglich sein, wird der Vorstand ein angemessenes Maßnahmenpaket zur gegebenen Zeit bekannt geben müssen.