"Atomausstieg muss aufgehoben werden"

EnBW-Chef Claassen weist Kritik an Stromkonzernen zurück [Upd.]

Der Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns EnBW, Utz Claassen, weist die Kritik von Politikern an der Stromwirtschaft zurück. "Es ist unredlich, wenn die Politik, die uns viele Kosten aufbürdet, auf die Konzerne zeigt und sagt: Ihr seid Abzocker", sagte Claassen dem Nachrichtenmagazin "Focus".

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München (ddp/sm) - Claasen lehnte den Vorschlag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ab, die Stromnetze von der Stromerzeugung und dem Vertrieb zu trennen. "Das wäre wohl eine Teilenteignung. Durch Verstaatlichung zum Wettbewerb? Das verstehe ich nicht", sagte er.

Eine Senkung der Strompreise lehnte Claassen ab. "Wenn ich ohne Anlass den Strompreis und damit den Ertrag senken würde, dann verstieße ich gegen das Aktienrecht, weil ich meinen Aktionären schade", sagte er.

Außerdem müsse der Atomausstieg aufgeschoben werden, forderte Claassen. "Sind wir als Land so reich, sind wir als Gesellschaft so arrogant und vermessen, dass wir 30 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Vermögens vorzeitig vernichten wollen?", fragte er. Der weltweite Energieverbrauch werde sich langfristig verdoppeln oder verdreifachen. Dieser Bedarf lasse sich nicht allein mit mehr Effizienz und regenerativer Energie decken. "Wenn wir dann auf die fossilen Brennstoffe setzen, richten wir eine Klimakatastrophe an. In aller Welt entscheidet man sich dafür, die Kernkraft auszubauen", sagte Claassen. Für den Fall eines Verzichts auf den Atomausstieg bot der EnBW-Chef an, die finanzielle Entlastung zumindest teilweise an die Gesellschaft zurückzugeben. "Wir könnten einen zu verhandelnden Anteil nutzen für Forschungsförderung, für regenerative Energie, für Speichermedien, um wirklich einen Übergang in das Zeitalter der regenerativen Energien zu schaffen. Wenn wir jetzt konventionelle Ersatzkraftwerke bauen müssen, zementieren wir den Verbrauch fossiler Brennstoffe auf Jahrzehnte", argumentierte er. Bliebe es beim Atomausstieg, rechne er mit erheblichen Preiserhöhungen. Je nach dem gewählten Ersatz für die abzuschaltenden Atomkraftwerke würden sich die Kosten um 20 bis 50 Prozent erhöhen. Der Einsatz der Windenergie bringe Kostensteigerungen um bis zu 200 Prozent.

Claassen kündigte für das vierte Quartal einen Antrag an, das Atomkraftwerk Neckarwestheim länger zu nutzen. Dazu sollten Reststrommengen anderer Kraftwerke auf Neckarwestheim I übertragen werden.

Renate Künast, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, nannte Claassen Äußerungen zum Ausstieg "ein gefährliches Spiel". Er sollte nicht vergessen, dass auch die Atom-Gegner den Kompromiss akzeptiert und damit Restlaufzeiten für die Risikotechnologie Atomkraft hingenommen haben, so Künast. Wenn die Stromkonzerne den Atomkonsens "torpedieren", werden auch die Grünen "den Kampf wieder aufnehmen". Mit seinen Drohungen geriere sich der EnBW-Chef wie der Vertreter von vier Besatzungsmächten, die echten Wettbewerb verhindern wollten.

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