Vorzeigeobjekt

E.ON plant angeblich weltmodernstes Steinkohlekraftwerk in Hessen

Der Energiekonzern E.ON plant im hessischen Großkrotzenburg das angeblich derzeit modernste Steinkohlekraftwerk der Welt. Die Modernisierung des Standorts soll einen Wirkungsgrad von 46 Prozent zur Folge haben, der CO2-Ausstoß soll um 20 Prozent sinken.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Großkrotzenburg (ddp/sm) - Obwohl die Subventionen des Steinkohlebergbaus in Deutschland in etwa zehn Jahren auslaufen sollen, will der Energiekonzern E.ON in Großkrotzenburg bei Hanau 1,2 Milliarden Euro in den Bau eines der größten Steinkohlekraftwerke der Welt investieren. Die Anlage nahe der bayerischen Landesgrenze soll eine Leistung von 1100 Megawatt erzeugen.

Bereits seit Mitte der 60er Jahre wird im Kohlekraftwerk Staudinger im Südosten Hessens Strom erzeugt. Die in die Jahre gekommenen Blöcke eins bis drei sollen nun mittelfristig abgeschaltet werden. Geplant sind drei neue Kraftwerksblöcke.

Bei der Frage der Modernisierung des Standorts befand sich Großkrotzenburg in Konkurrenz zu Wilhelmshaven, Rostock und Kiel. Die Entscheidung für die Anlage bei Hanau fiel nach Angaben von E.ON aus zwei Gründen: Zum einen steht die unmittelbar betroffene Stadt der Modernisierung des Kraftwerks, das 460 Arbeitsplätze sichert, wohlwollend gegenüber. Zum anderen spielt die konkurrierende Windenergie in dieser Region Deutschlands im Gegensatz zu den Küstenregionen eine eher untergeordnete Rolle.

Einen möglichen Zusammenhang mit der geplanten Stilllegung des hessischen Kernkraftwerks Biblis, das Konkurrent RWE betreibt, weist E.ON hingegen von sich: "Auf eine solche Diskussion lassen wir uns erst gar nicht ein, uns geht es einzig und alleine darum, den Standort Großkrotzenburg zu modernisieren", sagt Konzernsprecher Clemens Tauber.

Bis 2012 soll nun also das laut E.ON technisch modernste Kohlekraftwerk der Welt errichtet werden. Dieses werde auch höchsten Umweltansprüchen genügen, heißt es bei dem Energiekonzern. Gegenüber den heutigen Kraftwerksblöcken soll der Ausstoß von Kohlendioxid um 20 Prozent verringert werden. Zudem werde die Effizienz der neuen Anlage gegenüber herkömmlichen Kohlekraftwerken deutlich erhöht. So soll der Wirkungsgrad künftig bei 46 Prozent liegen, Standard seien 38 Prozent, in Europa bislang gar nur 36 Prozent.

Mit dem neuen Kraftwerkstyp, der auch im nordrhein-westfälischen Datteln gebaut werden soll, sieht sich E.ON in einer Vorreiterrolle. "Staudinger wird eine Referenzadresse für ausländische Interessenten", prophezeit Tauber. Vor allem China mit seinen eigenen Steinkohlevorkommen sei an diesem Kraftwerkstyp sicherlich interessiert.

Die enorme Leistung des Kraftwerks wird sich auch in den baulichen Dimensionen widerspiegeln. Stündlich sollen 385 Tonnen Kohle - die derzeit vornehmlich aus Südafrika importiert wird - in den Brennkammern verschwinden. Der Kühlturm soll knapp 180 Meter hoch in den Himmel ragen. Die Auswirkungen des Kühlturms auf das Landschaftsbild - wie etwa durch den Schattenschlag - würden sicherlich Diskussionen auslösen, hatte Kraftwerksleiter Edgar Kaufhold bei einer Informationsveranstaltung eingeräumt. Mögliche weitere künftige Zusatzbelastungen für die Region sollen im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung analysiert werden.

Bis Dezember 2007 sollen die Genehmigungsunterlagen beim zuständigen Regierungspräsidium in Darmstadt eingereicht werden. Im Frühjahr 2008 ist dann ein Erörterungstermin geplant, mit dem Baubeginn rechnet E.ON für Oktober 2008. Allerdings gibt es Umweltschützer, die ein länderübergreifendes Raumordnungsverfahren fordern, was den Zeitplan durcheinander bringen könnte. Also doch Widerstand in der Bevölkerung gegen das geplante Vorzeigeobjekt?

E.ON-Sprecher Tauber bleibt gelassen: "Nennen Sie mir ein Großprojekt in einem Ballungsgebiet, bei dem es keinen Widerstand gibt, das wäre verblüffend. Wir suchen aber den bürgernahen Dialog mit der Öffentlichkeit."