Vor 20 Jahren

Dunkles Jubiläum: Auswirkungen von Tschernobyl nach wie vor strittig

Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine war am 26. April 1986 ein Reaktor explodiert, wobei es zu einer Kernschmelze kam. In der Folge wurden mehrere tausend Quadratkilometer Fläche im Umkreis des Kraftwerks radioaktiv verseucht. Auch nach 20 Jahren streiten Experten über die tatsächlichen Auswirkungen.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (red) - Auch 20 Jahre nach der verheerenden Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl sind sich Experten uneins über die Auswirkungen des Unglücks. In dieser Woche beschäftigte sich u.a. der Umweltausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Sitzung mit diesem Thema.

Während Wolfgang-Ulrich Müller vom Institut für Medizinische Strahlenbiologie und Melissa Flemming, Sprecherin der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien, von 4000 Toten infolge der Bestrahlung sprachen, verwies Angelika Claußen, Vorsitzende der Deutschen Sektion Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, auf Quellen, die von 8000 bis 22.000 Toten ausgehen. Der IAEA warf Claußen vor, in ihrem Bericht, den sie gemeinsam mit anderen Organisationen erstellt hat, "viele Daten manipuliert" zu haben und damit "keine redliche Wissenschaft" zu betreiben. Aus Originalquellen, die auch der IAEA zugänglich gewesen seien, gehe hervor, dass von den 600 000 bis eine Million Aufräumarbeitern, die nach dem Unglück eingesetzt worden seien, 90 Prozent schwer erkrankt seien. Dabei handele es sich nicht nur um Krebserkrankungen, sondern auch um hirnorganische Erkrankungen, Schädigungen der Sinnesorgane, der Atemwege und Verdauungsorgane sowie psychische Krankheiten.

Müller hingegen sagte, man müsse die Strahleneffekte von anderen Faktoren trennen. Es sei insbesondere in den hoch belasteten Gebieten zu einem Anstieg der Schilddrüsentumore und Leukämieerkrankungen gekommen. Man müsse jedoch in Rechnung stellen, dass es zu einem Teil der Erkrankungen auch ohne das Reaktorunglück gekommen wäre, zudem spielten Faktoren wie das desolate Gesundheitssystem im Land, Alkoholismus und Selbstmorde eine Rolle. Man dürfe den Menschen in der betroffenen Region nicht immer wieder sagen, sie seien so verstrahlt, dass es keine Hoffnung gebe - vielmehr müsse man ihnen Hoffnung machen.

Diese Einschätzung wurde von Melissa Fleming geteilt. Sie betonte, man habe für die Region um Tschernobyl auch im Bereich der Umwelt wieder "annehmbare Werte" und müsse im Umgang mit den betroffenen Menschen "umdenken". "Armut, Lifestyle-Krankheiten und psychische Krankheiten" stellten "größere Probleme als die Verstrahlung" dar. Nötig seien heute in erster Linie Konzepte für die Lagerung des hoch verstrahlten Abfalls und die instabile Schutzhülle des Reaktors.

Wolfgang Faust, Wirtschaftsattaché der Deutschen Botschaft in Minsk, warnte davor, sich von Statistiken blenden zu lassen, denn damit reduziere man in unzulässiger Weise "menschliche Einzelschicksale auf Druckerschwärze und Zahlen". Das Problem sei "noch längst nicht bewältigt". Im Zentrum Europas befinde sich ein riesiges entsiedeltes Gebiet, das wirtschaftlich nicht nutzbar sei. Umweltforscher Klaus Traube, selbst ehemaliger "Atomkraftmanager", warnte vor zu großer Sorglosigkeit: Leichtsinn, Unfälle und menschliches Versagen gebe es überall. Doch weil die Atomkraftanlagen mit einem "hohen Grad an Sicherheit" ausgestattet seien, rechne niemand damit. Dies sei ein Fehler.

"Für die politische Bewertung ist es unerheblich, ob in Folge des Unfalls nachweislich 6000 oder 22 000 Menschen an Krebs erkrankt sind", sagte Sylvia Kotting-Uhl, umweltpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Gründen im Anschluss an die Sitzung. Für einige scheine die Lehre aus 20 Jahren Tschernobyl nur in der Notwendigkeit zum Export deutscher, sichererer Technologie zu bestehen. "Andere dagegen, wie vor allem wir meinen, dass eine Nation mit hoch entwickelter Technologie wie Deutschland als Vorbild dienen muss und angesichts eines immer bestehenden Restrisikos auf die Atomkraft verzichtet."

Heute legten auch die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) nach: Sie werfen der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) "Lügen" bei der Beurteilung des Atomunfalls vor. Die Aussage der IAEO, bis Mitte 2005 seien weniger als 50 Personen an der unmittelbaren Strahlung des Reaktors gestorben, sei "absurd", teilten die Verbände mit. Bei den Zahlen, die die IAEO im September vergangenen Jahres vorgestellt habe, ließen sich "gravierende Unstimmigkeiten" nachweisen, sagte GfS-Präsident Sebastian Pflugbeil. Eine Studie von GfS und IPPNW belege, dass bis zum Jahr 2006 "50 000 bis 100 000" Aufräumarbeiter an den Folgen das Reaktorunfalls gestorben seien.

Bei der Studie gehe es aber nicht darum, "den offenkundig falschen Zahlen der IAEO die richtigen Zahlen gegenüberzustellen", sagte die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen. Vielmehr solle die Studie Anhaltspunkte dafür geben, um welche Größenordnungen es gehe, wenn von den gesundheitlichen Folgen des Tschernobyl-Unfalls gesprochen werde.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte unterdessen, zum 20. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe "praktische Konsequenzen" zu ziehen. Der Sarkophag um den ukrainischen Unglücksreaktor müsse endlich sicher gemacht werden. Dazu werde Deutschland auch Mittel bereit stellen. Zugleich dankte Gabriel den Initiativen, die ukrainische Kinder zum Urlaub nach Deutschland einladen, Partnerschaften aufbauen oder medizinische Hilfe leisten.