Grundsatzfragen

DUH: Festhalten an Kernenergie führt zu Fundamentalkonflikt

Angesichts des wochenlang sonnigen Wetters in Deutschland und der damit verbundenen enorm hohen Einspeisung von Solarstrom in den Mittagsstunden hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auf unauflösbare Widersprüche in der Energiestrategie der schwarz-gelben Bundesregierung hingewiesen.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (red) - "Wer einerseits den Eintritt in das regenerative Zeitalter propagiert und andererseits auf verlängerte Laufzeiten für Atomkraftwerke setzt, treibt diese Gesellschaft in einen neuen Fundamentalkonflikt", so die Sicht von DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer Baake.

Behauptungen der Atomkraftwerksbetreiber und von Teilen des Regierungslagers, wonach sich Atomkraft und Erneuerbare Energien bestens ergänzen, seien nichts als eine interessengeleitete Irreführung der Öffentlichkeit: "In Wirklichkeit geht es bei der künftigen Stromversorgung nicht um ein Sowohl-als-auch, sondern, deutlich früher als die meisten Experten angenommen haben, um ein glasklares Entweder-Oder", so Baake. "Wer heute AKW-Laufzeiten verlängert, wird morgen den Vorrang der Erneuerbaren in Frage stellen, weil das Stromsystem sonst nicht mehr funktioniert."

Die Analyse der DUH basiert auf aktuellen Prognosen, die in dem am Mittwoch im Bundeskabinett verabschiedeten "Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien" der schwarz-gelben Bundesregierung enthalten sind. Eine der Kernaussagen für Deutschland lautet: 2020 werden fast 40 Prozent des Strombedarfs durch Erneuerbare Energien gedeckt. Die größten Zuwächse sind im Wind- und Solarstromsektor zu erwarten. Eine jahresdurchschnittliche Einspeisung von 40 Prozent bedeutet aber auch, dass die Strombereitstellung, je nach Tageszeit und Wetterlage erheblichen Schwankungen unterliegt.

Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel hat auf Basis der aktuellen Ausbauprognosen der Bundesregierung und der Wetterdaten des Jahres 2009 die voraussichtliche Einspeisung erneuerbarer Energien in das Stromnetz im Jahr 2020 ermittelt. Ergebnis der Projektion: In zehn Jahren werden die Erneuerbaren Energien den nationalen Strombedarf immer häufiger stundenweise komplett abdecken können. Nach geltender Gesetzeslage hat der regenerativ erzeugte Strom Vorfahrt in den Netzen, er würde also Atom- und Kohlestrom massiv verdrängen. Jedoch können Atom- und Braunkohlekraftwerke aus technischen Gründen nicht stundenweise erst ab- und dann wieder angefahren werden. Der Druck auf die Politik, den Vorrang der Erneuerbaren zu beschneiden, würde umso stärker, je mehr Atom- und Braunkohlekraftwerke dann noch am Netz wären.

Dr. Carsten Pape von Fraunhofer IWES zufolge zeigten die Berechnungen auf Basis der Prognosen der Bundesregierung, dass der klassische Grundlastbereich für konventionelle Kraftwerke schneller zurückgefahren werden muss als bisher angenommen, um zu einem realistischen und konsistenten Fahrplan in das regenerative Zeitalter zu kommen. In Zukunft seien zur sicheren Deckung der so genannten Residuallast vor allem flexible Gaskraftwerke notwendig, die schnell an- und abgefahren werden können, um die Schwankungen der Erneuerbaren-Einspeisung auszugleichen.

In einem sehr sonnenreichen Sommer wie dem des Jahres 2010 verschärfe sich das Problem zusätzlich. Im vergangenen Juli seien um die Mittagszeit vermutlich schon um die 10.000 MW Solarstrom ins deutsche Stromnetz eingespeist worden. Bei vergleichbarer Wetterlage im Jahr 2020 könnte sich die Einspeisung nach den aktuellen Prognosen der Bundesregierung fast vervierfachen. Hinzu kämen dann erhebliche Erneuerbare-Energien-Beiträge aus Wasserkraft, Bioenergie und je nach Wetterlage aus Wind.

Baake und Pape forderten, neben der Flexibilisierung des konventionellen Kraftwerkparks die Anstrengungen auf den Um- und Ausbau der Stromnetze, auf neue Formen der Nachfragesteuerung ("Smart Grid"), den Ausbau vorhandener und die Entwicklung neuartiger Stromspeicherkapazitäten zu konzentrieren. Nur wenn alle vier "Baustellen" gleichzeitig angegangen würden, könne der Übergang in das regenerative Zeitalter gelingen.