Gaslücke

Deutschland ist auf Erdgasengpässe offenbar schlecht vorbereitet

Zwar hat die Pipeline-Explosion in der Ukraine keinen Engpass bei den Gaslieferungen zur Folge, doch könnte das nach Meinung mehrerer Experten künftig anders aussehen. Deutschland droht die Gaslücke, meint beispielsweise Claudia Kemfert vom DIW.

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Berlin (ddp/sm) - Ob Erdgasstreit zwischen Russland und Ukraine oder die Explosion einer Gas-Pipeline am Montag - stockt die Versorgung mit Erdgas aus Russland, bangt Deutschland um die Lieferungen. Für die Energiesicherheit Deutschlands sind allerdings nicht nur solche Geschehnisse eine mögliche Gefahr, sondern vor allem absehbare Engpässe in der Erdgasversorgung. Darauf sei Deutschland schlechter vorbereitet als seine Nachbarn, sagen Experten.

Während die meisten anderen europäischen Küstenstaaten die Möglichkeit haben, Flüssigerdgas (LNG) anzulanden, ist Deutschland bisher einzig auf die Versorgung über Pipelines angewiesen. "42 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs werden aus Russland gedeckt. Doch gerade dort wird künftig eine wachsende Menge Erdgas im eigenen Land verbraucht werden", erklärt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) und warnt: "Die Gaslücke kommt."

Alternativen zur Pipelineversorgung finden

Alternativen zur Pipelineversorgung werden wichtiger. In Deutschland ist es dennoch rund drei Jahrzehnte nach Unterzeichnung eines ersten Ansiedlungsvertrags für einen LNG-Terminal in Wilhelmshaven noch immer offen, ob die Anlage gebaut wird. Kemfert hält die Lage "mit Blick auf die Versorgungssicherheit für grob fahrlässig, für gefährlich". Entscheidenden Anteil daran habe die einseitige Pipeline-Strategie, die frühere Regierungen mit einer zu engen Bindung an Russland verfolgt hätten.

Auch Enno Harks, Energiefachmann der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), spricht von einem "aus versorgungspolitischer Sicht großen Fehler". Gerade in Zeiten, in denen Erdöl und Erdgas zunehmend politisiert werden, "wäre Flüssigerdgas eine wertvolle Alternative, mit der man wirtschaftlichem oder politischem Druck zumindest teilweise ausweichen könnte", rät er.

Europas Gashunger wächst in einem Maße, mit dem der Ausbau der russischen Kapazitäten nach Überzeugung von Experten nicht mithalten wird. Nach Berechnungen Kemferts könnten schon in drei Jahren rund 25 Milliarden Kubikmeter Erdgas fehlen. Bis 2020 hält sie ein Anwachsen der Fehlmenge auf 80 Milliarden Kubikmeter für möglich.

Für ergänzende Erdgaslieferungen per LNG sind spezielle Anlagen zum Anlanden, Umwandeln und Speichern des Energieträgers notwendig. Eine Kette von 13 solcher Terminals zieht sich an Europas Küsten entlang, von der Türkei über Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich bis nach Belgien und England. Spanien hat gleich vier, das kleine Belgien immerhin einen. Weitere Anlagen sind im Bau - mit Ausnahme Deutschlands. Dabei sind es Investitionen mit Zukunft. Nach Schätzungen der Internationalen Energiebehörde (IEA) wird schon im Jahr 2030 mehr Erdgas per Schiff transportiert werden als über Pipelines. Deutschland dagegen ist auf Karten mit bestehenden oder im Bau befindlichen LNG-Anlagen ein weißer Fleck.

Geschichtlicher Abriss

Optisch erfassen lässt sich die Lücke in Deutschlands Versorgungssicherheit in Wilhelmshaven. An der Straße "Am tiefen Fahrwasser" liegt hinterm Jadedeich eine große, grün-braune Brache. Hier und da stehen weiße Container, an einem gelben Baufahrzeug hängt ein Bohrgestänge. Mehr ist nicht. Hier plante die mehrheitlich von der Ruhrgas AG (heute E.ON) kontrollierte Deutsche Flüssiggas Terminal Gesellschaft (DFTG) bereits Anfang der 70er Jahre den Bau eines LNG-Terminals.

Der Westen war nach der Ölkrise von 1973 höchst alarmiert und suchte Alternativen. Im Mai 1976 meldete die Wilhelmshavener Zeitung (WZ): "Vertrag ausgehandelt: 370 Millionen DM Kosten - 140 Arbeitsplätze." Schon mit Beginn der 80er-Jahre sollte das erste Flüssigerdgas angelandet werden. Dann aber entwickelte Deutschland mit Russland die westsibirischen Erdgasfelder, Ruhrgas konnte über Moskau billiges Erdgas beziehen und schob den Terminalbau bis heute immer wieder auf.

Schlagzeilen machten die Terminalpläne erst wieder im Jahr 2005, als der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine eskalierte und Moskau dem Nachbarn den Gashahn abdrehte. Die Versorgungssicherheit war wieder ein Thema. E.ON verkündete, für Wilhelmshaven werde ein "erstes deutsches LNG-Projekt" geplant. Dort sah mancher die Riesentanker schon an der geplanten, einen Kilometer langen Brücke im kabbeligen Nordseewasser liegen. Die SPD schürte die Hoffnung, der Terminal werde Steuereinnahmen bringen und Arbeitsplätze schaffen. Schließlich ist von 600 Millionen Euro an Investitionen die Rede. Für die CDU kann das Projekt mithelfen, Wilhelmshaven zu einer "wichtigen Energiedrehscheibe" werden zu lassen.

Doch mehr als die braun-grüne Brache ist am möglichen Standort nicht zu entdecken. Eine E.ON-Sprecherin äußerte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur ddp zurückhaltend: "Wir haben eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen. Jetzt läuft bis Ende 2007 eine Front Engineering Studie. Nur wenn die positiv ausfällt und wenn wir erfolgreich mit Anbietern verhandelt haben, kann eine Investitionsentscheidung fallen." Ob der LNG-Terminal kommt, ist damit 31 Jahre nach Unterzeichnung des Ansiedlungsvertrags noch immer offen.