Stromnetz-Umbau

Deutschland als Versuchslabor: VDE-Studie zum Netzausbau

Der Verband der Elektrotechnik hat eine Studie zur Stromübertragung vorgestellt, die "entscheidende Systemveränderungen" für den Netzausbau nennt. Aus VDE-Sicht sei ein komplett neues, integriertes Gesamtsystem erforderlich. Dazu müssten etwa 500 Kilometer pro Jahr gebaut werden.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Die Energielobby hat strategische Entscheidungen zum Ausbau der Stromnetze verlangt, die weit über das bisher diskutierte Maß hinaus gehen. "Deutschland ist das Versuchslabor", sagte Rainer Joswig, Vorstandsmitglied der EnBW Transportnetze AG, am Donnerstag bei der Vorstellung einer Studie des Verbandes der Elektrotechnik (VDE) zu künftigen Möglichkeiten des Stromtransports in Europa. Nur hier seien alle Technologietreiber "im großtechnischen Maßstab vertreten".

Hintergrund des Ausbaubedarfs ist die Annahme, dass erneuerbare Energien nicht jede für sich eine sichere Grundversorgung gewährleisten können. Herrscht etwa wenig Sonne, aber viel Wind, muss der Strom für die südlichen Länder von den Offshore-Anlagen vor den Nordküsten transportiert werden. An "lastschwachen" Tagen mit wenig Strombedarf übersteigt bereits jetzt das Stromangebot aus erneuerbaren Energien die Nachfrage. Wenn sowohl die Sonne scheint als auch der Wind weht, bedarf es hoher Speicherkapazitäten, um die dann erzeugten großen Strommengen für erzeugungsarme Zeiten zu behalten. Der derzeit diskutierte Ausbaubedarf für Stromnetze in ganz Deutschland liegt bei 3.600 bis 4.500 Kilometern.

Beim Netzausbau Breitbandkabel mitverlegen

So regte der VDE an, entlang der Autobahn- und Bahntrassen ein "Overlay"-Netz in Infrastrukturtunnels oder -kanälen anzulegen, in denen nicht nur Stromkabel, sondern auch andere Versorgungsleitungen wie Breitbandkabel Platz finden könnten. Das erfordere zwar hohe Anfangsinvestitionen, erleichtere aber die dringend erforderliche Bündelung von Infrastruktureinrichtungen, sagte VDE-Energieexperte Martin Pokojski. Sowohl der flexible Einbau dieser Leitungen als auch deren Fertigung und Wartung würden am Ende volkswirtschaftlich günstige Lösungen ermöglichen.

VDE-Präsidiumsmitglied Joachim Kreusel sagte: "Es geht nicht darum, weiter zu integrieren, sondern um eine neue Integration." Das Projekt, Deutschland überwiegend mit erneuerbaren Energien zu versorgen, erfordere jetzt strategische Entscheidungen, die den Einsatz von Zukunftstechnologien in den nächsten Jahrzehnten erleichterten, selbst wenn noch nicht alle erforderlichen technologischen Sprünge absolviert seien.

Pokojski wies darauf hin, dass derzeit pro Jahr durchschnittlich 20 Kilometer Stromleitungen in Deutschland neu gebaut würden. Dieser Durchschnitt müsste bei dem genannten Ausbaubedarf theoretisch auf 500 Kilometer pro Jahr steigen, wenn die Vorstellungen des Energiekonzepts der Bundesregierung bis 2020 erfüllt werden sollten. "Was wir brauchen, ist Akzeptanz", folgerte er daraus.

Netzausbau ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Er sprach von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, deren Kosten nicht nur von den Versorgern und Netzbetreibern geleistet werden könnten. Da sei "insbesondere natürlich auch der Staat" gefragt. Die Studie geht immerhin von rund 100.000 Kilometer planfestgestellter Trassen aus - Bahnstrecken, Fernstraßen, Kanäle, Freileitungen, Pipelines -, auf denen Energieprojekte mit bestehenden Infrastruktureinrichtungen kombiniert werden könnten.

Kreusel, Leiter "Smart Grids" ("intelligente Netze") des Elektrokonzerns ABB in Mannheim, sagte, es könne angesichts der ambitionierten Pläne zunächst nicht darum gehen, welche Elemente der Netzstruktur eingesetzt würden, sondern: "Wir werden auf nichts verzichten können."