Risikoreaktor?

Debatte über Sicherheitsmängel in Neckarwestheim I

Über den zweitältesten deutschen Atomreaktor Neckarwestheim I gibt es weiter Streit. Nach Auffassung der Deutschen Umwelthilfe wird der Meiler auf der Grundlage völlig veralteter Sicherheitsstandards weiterbetrieben. Für den Betreiber EnBW sind die Vorwürfe "unbegründet", für das Umweltministerium "Panikmache".

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Stuttgart (dapd/red) - Die Umwelthilfe erhob am Freitag in Stuttgart schwere Vorwürfe gegen den Betreiber EnBW, die baden-württembergischen Aufsichtsbehörden und die schwarz-gelbe Bundesregierung, die die Laufzeitverlängerung beschlossen hatte.

Der Atomreaktor habe nicht einmal den Stand der Technik vor 20 Jahren, sagte der ehemalige Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium (BMU), Wolfgang Renneberg. Ein Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums wies die Vorwürfe umgehend als "Panikmache" zurück. An der Sicherheit des Kernkraftwerks bestehe keinerlei Zweifel.

Kritik an Betrieb trotz Sicherheitsmängeln

Der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Rainer Baake, kritisierte, die baden-württembergische Atomaufsicht lasse zu, dass der Reaktor trotz bekannter Sicherheitsmängel weiterlaufe. EnBW habe 2007 umfangreiche Sicherheitsnachrüstungen beantragt, die bis heute nicht umgesetzt seien. Die Bundesregierung hätte die Prüfung der alten Meiler zur Bedingung einer Laufzeitverlängerung machen müssen.

Laut Renneberg weist der Reaktor erhebliche Sicherheitsmängel im Störfallsystem beim An- und Abfahren auf. Zudem gebe es eine erhöhte Spannung im Rohrleitungssystem, was leicht zu Rissen führen könnte. Damit sei unter anderem der Schutz vor Erdbeben deutlich geringer.

Defizite seien auch bei den baulichen Brandschutzmaßnahmen zu verzeichnen. Die Mängel sind nach Auffassung von Renneberg derart gravierend, dass im Grenzfall der Austritt radioaktiver Dämpfe bis hin zu Auswirkungen in der Größenordnung des Reaktorunglücks von Tschernobyl im Jahre 1986 möglich wären.

Block I des Kernkraftwerks Neckarwestheim war am 23. Dezember wieder ans Netz gegangen. Die Anlage wurde 1976 in Betrieb genommen und produzierte im Jahr 2009 über viereinhalb Milliarden Kilowattstunden Strom.

Ministerium: Sicherheit nach gesetzlichem Standard

Die EnBW wies die Vorwürfe als unbegründet zurück. "Beide Blöcke in Neckarwestheim erfüllen alle Anforderungen, die nach dem Atomgesetz an den sicheren Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland gestellt werden. Wäre dies nicht so, müsste die zuständige Aufsichtsbehörde oder das BMU den Betrieb unverzüglich untersagen", sagte ein Unternehmenssprecher. Auf Grundlage der Atomgesetznovelle werde derzeit überprüft, ob es noch weitere Sicherungsmaßnahmen geben müsse.

Auch laut Umweltministerium entspricht der Meiler den gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsstandards, sonst hätte er nicht weiterbetrieben werden dürfen. Die Sicherheit des Reaktors sei auch durch externe Gutachten und von internationalen Experten bestätigt worden. "Die für Anlagensicherheit erforderlichen Maßnahmen sind umgesetzt worden", sagte der Sprecher. Derzeit werde außerdem an einem Konzept für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gearbeitet.

In den vergangenen 30 Jahren des Betriebs von Neckarwestheim I sei bei Baukosten von 375 Millionen Euro mehr als doppelt soviel Geld in die Modernisierung und Nachrüstung investiert worden. Die Behauptung, dass es in der Anlage mehr meldepflichtige Ereignisse als in vergleichbaren Anlagen gegeben habe, sei falsch. In vergangenen zehn Jahren habe der Reaktor mit weniger als sechs meldepflichtigen Ereignissen pro Jahr unter dem Bundesdurchschnitt gelegen.

Die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, warf Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) vor, bei Sicherheitsfragen auf Zeit zu spielen. Statt Risikoreaktoren wie Grafenrheinfeld oder Neckarwestheim unverzüglich vom Netz zu nehmen, werde bis zu anstehenden Revisionen die Gefahr hingenommen.

Die SPD-Fraktion im Landtag hält eine Nachrüstung des Kernkraftwerks Neckarwestheim I für sinnlos. Da dieser alte Meiler ebenso wie Philippsburg I nicht gegen Flugzeugabstürze und damit auch Terrorangriffe gesichert sei, helfe eine Nachrüstung wenig, erklärte SPD-Energieexperte Thomas Knapp. Die Grünen-Fraktion hat dazu eine parlamentarische Anfrage gestellt.