Unabhängigkeit

Das Konzept von Deutschlands kleinstem Stadtwerk

Immer mehr Gemeinden nehmen ihre Strom- und Wasserversorgung in die eigenen Hände. Das Beispiel Hagnau zeigt, was möglich ist, wenn eine Gemeinde auf Unabhängigkeit setzt. So wurde etwa beim Verlegen der Gasleitungen gleich an die Kabel für schnelles Internet gedacht.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Hagnau (dapd/red) - Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) fühlt sich von den großen Energiekonzernen übergangen: Mit dem Beschluss für längere Laufzeiten "benachteiligt die Bundesregierung kleine und mittlere kommunale Energieversorger", klagt der Verband. Doch der Trend, dass immer mehr Gemeinden ihre Versorgung mit Strom, Gas und Wasser wieder in die eigene Hand nehmen, ist ungebrochen. Das zeigt auch das Beispiel von Hagnau am Bodensee, wo nach Angaben der Gemeinde das kleinste kommunale Versorgungsunternehmen Deutschlands existiert.

Olaf Stelzl ist einer der Geschäftsführer der Hagnauer Gemeindewerke (HGW). Hans Peter Klesel ist die andere Hälfte der Führungsspitze bei den HGW - und im Hauptberuf für das Leitungsnetz bei den Technischen Werken Friedrichshafen (TWF) zuständig. Die HGW sind 2005 mit dem Ziel gegründet worden, die vorhandene Wasserleitung zu sanieren und einen Anschluss ans Gasnetz in die Gemeinde zu bekommen. Dazu hat sich Hagnau mit den TWF einen gleichberechtigten Partner in die Gesellschaft geholt.

Schnelles Internet gleich mitverlegt

Das gemeinschaftliche Prinzip funktioniert so: Die TWF und Hagnau investieren gemeinsam in die Netze. "Dann verpachten wir das Netz an die TWF, die das volle Vertriebsrisiko tragen", erklärt Stelzl. Der gravierende Unterschied zu einer gewöhnlichen Konzession, wie sie sonst von Gemeinden an Energieversorger vergeben werden, liegt im Recht, die Abläufe mitzugestalten. "Sonst hätten wir bis heute noch keine Gasleitung in Hagnau, ebenso wenig schnelles Internet", glaubt Stelzl. Denn im Zuge der Gasleitungsverlegung habe man gleich auch die Kabel fürs Internet in die Erde gelegt.

Nun ist die Stromkonzession im Blick

Gas und Wasser liegen also schon in den Händen der Gemeindewerke Hagnau. Jetzt hat das Mini-Stadtwerk auch den Strom im Visier. Die Konzession wird im kommenden Jahr neu vergeben - bislang war der Energieriese EnBW Konzessionär. Wer den Zuschlag bekommt, entscheidet der Gemeinderat. "Wir rechnen uns gute Chancen aus", sagt Stelzl und glaubt daran, dass die Bürger der Gemeinde hinter den HGW stehen, wo doch mehr Wertschöpfung vor Ort bliebe und die Gewinne nicht in weit entfernte Konzernzentralen abflössen. Laut Stelzl sei ein großes Interesse anderer Gemeinden am Hagnauer Modell zu verzeichnen.

"Vor allen Dingen die Energie erzeugenden Unternehmen unter den Stadtwerken sehen sich mit dem Energiekonzept der Regierung benachteiligt", betont der Sprecher der VKU, Wolfgang Prangenberg. Denn viele kommunale Energieversorger hätten sich auf das Ende der Atomkraftwerke eingestellt und entsprechend geplant. Die durch den ursprünglich geplanten Wegfall des Atomstroms entstehende Energielücke wollten kleinere und mittlere Energieversorger schließen - was zulasten der Energieriesen gegangen wäre. "Durch die Laufzeitverlängerung wird das jetzt schwieriger", sagt Prangenberg.

So schwarz sieht der kommunale Partner TWF die Lage nicht. Er sichert sich durch die Beteiligung an den Hagnauer Gemeindewerken verlässliche Vertriebskanäle und ein gutes Image in der Bevölkerung. Aber: "Auch wir sind natürlich enttäuscht von der Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern", sagt TWF-Geschäftsführer Alfred Müllner. Man habe schlicht mit anderen Rahmenbedingungen gerechnet. Allerdings sieht Müllner die kommunalen Unternehmen deswegen nicht im Abseits, denn der mündige Verbraucher verliere das Vertrauen in die Energieriesen und halte deren Sonntagsreden über erneuerbare Energien für Lippenbekenntnisse. "Kleine Stadtwerke wie in Hagnau können davon profitieren", glaubt Müllner. Denn diese stünden für heimische Wertschöpfung, Nähe und Persönlichkeit.