Solar-Trickserei

Dächer ohne Häuser sorgen in Bayern für viel Unmut

Findige Bayern bauen Dächer ohne Häuser: riesige Gebäude, die nur aus einem Dach bestehen und zur einen Seite Schlagseite haben. Das sieht nicht nur in der ländlichen bayerischen Idylle alles andere als schön aus, außerdem haben die "Stadl" meist nur eine einzige Funktion: möglichst viel Sonnenstrom zu ernten.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Osterhofen/München (dapd/red) - Josef Rosner ist ein Öko, wie er im Buche steht. Und ein Tausendsassa. 2005 hatte sich der Architekt, Biobauer, grüne Kommunalpolitiker, Schreiner und Künstler aus Osterhofen nahe Straubing im tiefschwarzen Landkreis Deggendorf für die Grünen als Landratskandidat aufstellen lassen und immerhin 15 Prozent geholt. Rosner baut am liebsten ökologisch korrekte Holzhäuser im Niedrigenergiestandard. Natürlich hat er nichts gegen die Nutzung der Sonnenenergie - sein Haus wird mit einer Solaranlage beheizt.

Gebäude, die nur aus einem Dach bestehen

Doch was er jetzt überall in seiner Heimat zu Gesicht bekommt, erschüttert seinen Glauben an die Segnungen der "Erneuerbaren". Es sind die "Solarstadl", die überall wie Pilze aus dem Boden schießen und Ortsbilder und Landschaften verhunzen. Das sind Gebäude, die nur aus einem Dach bestehen. Sie sind so groß, dass sie alle dörflichen Dimensionen sprengen. Ihr hervorstechendes Merkmal sind Pultdächer, die sich oft bis ganz zum Boden ziehen. Und zwar nur auf einer Seite.

"Volahiku", spottet Rosner. "Vorne lang, hinten kurz." Manchmal sind sie mit Holzplanken oder Wellblech eingehaust, manchmal schweben die Dächer nur auf dünnen, nackten Stelzen. Die lange Seite ist stets exakt nach Süden ausgerichtet und mit glitzernden Solarpaneelen bedeckt. Ihre ursprüngliche Funktion als landwirtschaftliche Lagerräume haben Solarstadl weitgehend eingebüßt. Wichtigster oder einziger Zweck der Gebäude ist es, möglichst viel Sonnenstrom zu ernten und möglichst hohe Förderbeträge abzuschöpfen.

Ein Dach reicht zur Förderung aus

Der Boom dieser Solararchitektur neuen Typs, die Rosner "absolut obergrauslich" findet, setzte ein, als die Bundesregierung die Förderung großer Photovoltaikparks auf Ackerland zusammenstrich. Solche Parks waren in den vergangenen Jahren im sonnenverwöhnten Niederbayern zahlreich gebaut worden, was nicht nur Landschaftsschützer auf die Barrikaden brachte, sondern auch Gegner einer angeblichen "Überförderung" erneuerbarer Energien.

Seit nur noch Dachanlagen wirklich rentabel sind, haben sich die schlauen Bauern etwas anderes einfallen lassen: Sie bauen einfach Dächer ohne Häuser. Und zwar überall dort, wo ein Platz an der Sonne ist.

"Alles außer Kontrolle"

Eigentlich darf im "Außenbereich", also auf offener Flur abseits von Dörfern oder Städten, in Bayern grundsätzlich nicht gebaut werden. Auf diese Weise sollte einmal die Zersiedelung ländlicher Räume verhindert werden. Einzige Ausnahme sind Bauwerke, die der landwirtschaftlichen Produktion dienen. Auf diese baurechtliche Privilegierung berufen sich Bauern, wenn sie ihre Solarstadl in die Landschaft klotzen. "Die brauchen da drin nur eine rostige Heuspinne abstellen, schon sind sie aus dem Schneider", sagt Martin Wölzmüller vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege.

Im bayerischen Landwirtschaftsministerium ist der offensichtliche Missbrauch der Privilegierung bekannt. Aber die Behörde will der Energiewende und dem Bauernglück nicht im Wege stehen und drückt schon mal ein Auge zu. Dass ein solches Gebäude auf behördliche Anordnung hätte abgerissen werden müssen, ist im Ministerium nicht bekannt.

"Hier ist doch alles außer Kontrolle", echauffiert sich der oberste bayerische Denkmalschützer, Egon Johannes Greipl. "Eigentlich hätte die Privilegierung landwirtschaftlicher Betriebsgebäude im Zuge der Energiewende längst angepasst werden müssen." Irgendwann werde man das, was heute als Patentrezept gepriesen werde, bitter bereuen.

"Das ist einer meiner Lieblingsstadl", sagt Rosner und steuert ein nagelneues, etwa 75 Meter langes und an der "kurzen" Seite gut zehn Meter hohes Gebäude an. Nach Süden hin reicht das Dach mit den Solarzellen ganz bis zum Boden. "Solche riesigen Scheunen brauchen die Bauern hier eigentlich nicht", sagt Rosner. Er hat immer seine Kamera dabei, um die prägnantesten Beispiele zu dokumentieren.

Natürlich kann er als Grüner nicht gegen die Nutzung von Ökoenergien stänkern, trotzdem sind ihm die massiven Veränderungen seiner Heimat nicht geheuer. Es sind ja nicht nur die hässlichen Solarstadl. Auch auf historischen Häusern sind Solarzellen keine Zierde. Dazu kommen die Biogasanlagen mit den dazugehörigen eintönigen Maisfeldern, die einst bäuerlich geprägte Kulturlandschaften in halbindustrialisierte Mischgebiete verwandeln. Jetzt droht auch noch die Windkraft.

Den Abschluss einer Entdeckungsfahrt durch das Land der "grünen" Energien in Rosners Kleinbus bildet immer ein Solarstadl ganz besonderer Art. Es steht nahe Landau am Inn und kann es in puncto Auffälligkeit durchaus mit einem Atomkraftwerk aufnehmen: Hier hat ein Landwirt eine Biogasanlage mit einem gewaltigen Solardach überspannt, das nach Rosners Schätzungen die Größe eines Fußballfeldes hat und enorm hoch ist. "Ein echtes Highlight", grummelt Rosner. "Das hat man nun davon, dass man als Grüner die Ökoenergie propagiert hat. Wählen tun sie uns trotzdem nicht."