Kassensturz für Klimaschutz

CO2-Konto: Experten wollen Pro-Kopf-Emissionen begrenzen

Zur Bewältigung des Klimaproblems fordern Umweltberater der Bundesregierung drastische Einsparungen bei den globalen Kohlendioxid-Emissionen. Die Experten schlagen daher Pro-Kopf-Emissionsrechte vor: Jeder Mensch dürfe bis 2050 nur noch 110 Tonnen CO2 verursachen. Das Budget der Deutschen wäre demnach schon in zehn Jahren aufgebraucht.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/red) - Knapp 100 Tage vor Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen spricht sich der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) in einem Sondergutachten für einen sogenannten Budgetansatz aus. Danach könnte das globale Kohlendioxid-Budget pro Kopf gleichmäßig auf die Weltbevölkerung aufgeteilt werden. Der Bericht "Kassensturz für den Weltklimavertrag - Der Budgetansatz" wurde am Dienstag der Bundesregierung übergeben. Bereits 2007 hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der indische Premierminister Manmohan Singh eine Orientierung am Pro-Kopf-Ausstoß angeregt.

CO2-Budget der Industriestaaten bald aufgebraucht

Der Beirat fordert eine weitgehend emissionsfreie Wirtschaftsweise bis Mitte des Jahrhunderts. Der Pro-Kopf-Ausstoß dürfe dann nicht mehr als ein oder eineinhalb Tonnen pro Jahr betragen. Der WGBU schlägt vor, für jedes Land ein "Kohlendioxid-Konto" einzurichten, das die Größe der Bevölkerung und die bereits erfolgten Emissionen der Vergangenheit berücksichtigt. Für Industrieländer bedeute dies, dass sie wegen ihrer hohen Emissionen bereits so viel "abgebucht" hätten, dass ihr Budget bald überzogen sein werde. Sie könnten den Entwicklungsländern deren Emissionsrechte abkaufen.

Die Wissenschaftler schlagen eine "Klimazentralbank" vor, die über die Einhaltung der nationalen Pläne zur Kohlendioxid-Reduktion wachen solle. Außerdem sprechen sie sich dafür aus, das Zwei-Grad-Ziel völkerrechtlich anzuerkennen. Dieses sieht eine Begrenzung der Erderwärmung in diesem Jahrhundert um zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit vor.

Deutsches Budget würde nur zehn Jahre reichen

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans-Joachim Schellnhuber, der auch dem WBGU angehört, bezeichnete die Ergebnisse des Gutachtens als ernüchternd. "Will man das Zwei-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei zu drei erreichen, stehen noch 750 Milliarden Tonnen CO2 zur Verfügung, bei einer Wahrscheinlichkeit von drei zu vier nur 660 Milliarden Tonnen", sagte Schellnhuber. Weltweit könne daher jeder Mensch zwischen 2010 und 2050 nur noch 110 Tonnen Kohlendioxid verursachen. "Ein Deutscher emittiert im Jahresschnitt elf Tonnen, sein Budget wäre also in zehn Jahren aufgebraucht", fügte Schellnhuber hinzu.

Trendwende beim Klimaschutz nötig

Nach Ansicht von Forschungsstaatssekretär Frieder Meyer-Krahmer zeigt das WBGU-Gutachten, wie wichtig eine Trendumkehr für den Klimaschutz in den nächsten Jahren sei. "Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir emissionsarme Technologien in den Industriestaaten, aber auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern", fügte er hinzu.

Umweltstaatssekretär Matthias Machnig bezeichnete den Budgetansatz als "gutes Instrument", um zu verdeutlichen, vor welchen Herausforderungen Industrie- und Entwicklungsländer stünden. Gleichzeitig räumte er ein, dass er den Ansatz gegenwärtig für schwer umsetzbar halte.