Umweltschützer und Strahlenschutzfachleute

Bundesländer wollen schlechte Strahlenschutz-Novelle weiter verwässern

Umweltschützer und Strahlenschutzfachleute zeigen sich alarmiert. Sie befürchten, dass der Bundesrat die Strahlenschutz-Novelle weiter verwässern will.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com
Gemeinsam wenden sich die Gesellschaft für Strahlenschutz, der IPPNW, das Otto-Hug-Strahleninstitut und die Umweltschutzverbände Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Robin Wood gegen eine weitere Verwässerung des ihrer Meinung nach ohnehin schon ungenügenden Entwurfs zur Novelle der Strahlenschutzverordnung. Die Verbände und Institute appellieren stattdessen an den Bundesrat und die Wirtschafts- und Umweltminister der Länder, die jetzige Novelle zu Gunsten schärferer Regelungen und eines wirksamen Strahlenschutzes zurückzuziehen. Die Novelle und die von einigen Bundesländern eingebrachten Verwässerungswünsche seien vollkommen inakzeptabel und würden so etwas wie Strahlenschutz nur vortäuschen, zeigen sich die Verbände enttäuscht.


Renate Backhaus, atompolitische Sprecherin des BUND-Bundesvorstandes: "Der Entwurf der Strahlenschutzverordnung bestätigt die Zweifel vieler Bürger und Experten an der Ernsthaftigkeit des von der rot-grünen Bundesregierung angekündigten Atomausstiegs. Entgegen allen Versprechen und öffentlichen Äußerungen des Bundesumweltministers wird im vorliegenden Entwurf der Strahlenschutzverordnung das Schutzniveau der beruflich strahlenbelasteten Arbeitnehmer und der Bevölkerung in wesentlichen Punkten verschlechtert. Mit der Freigaberegelung wird es der Atomindustrie möglich, den größten Teil des Atommülls, der beim Abriss der Atomkraftwerke in den kommenden Jahrzehnten anfällt, auf normalen Deponien, in Baumaterial, im Straßenbelag oder im Metallrecycling unterzubringen. Wenn man bedenkt, dass dann sogar Zahnspangen aus solch radioaktivem Abfall hergestellt werden könnten, wird so eine schleichende radioaktive Kontamination von Teilen der Bevölkerung bedenkenlos in Kauf genommen. Wir sind nicht bereit, zu akzeptieren, dass die Atomindustrie nach massiven Subventionen bei der Entwicklung der Atomenergienutzung und beim Betrieb der Atomkraftwerke nun auch noch durch gelockerte Strahlenschutzregeln in der Phase der Stilllegung und des Abrisses ihrer Anlagen und der Endlagerung des Atommülls massiv entlastet wird - und das auf Kosten der Gesundheit vieler Generationen." Wolfgang Köhnlein, Strahlenbiologe an der Universität Münster, stimmt ein: "Noch immer werden die Folgen auch niedriger Strahlung stark unterschätzt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen 20 Jahre haben eindeutig gezeigt, dass das Strahlenrisiko mindestens um den Faktor 10 höher ist als bislang angenommen. So wurde beispielsweise eine Neubewertung der statistischen Daten der Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki - die nachweist, dass die schädigende Wirkung ionisierender Strahlung bislang weit unterschätzt wurde - ungenügend in den Entwurf der Novelle einbezogen. Wenn man den Schutz der Bevölkerung vor radioaktiver Strahlung als Maßstab nimmt, muss dieser Entwurf zurückgezogen und umfassend nachgebessert werden. Dass einzelne Länder im Bundesrat statt dessen allerdings sogar noch eine weitere Aufweichung vorschlagen, spricht gegen jedes Schutzinteresse."


Und auch Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, zeigt sich beunruhigt: "Die Informationen, die uns aus den Bundesrats-Ausschüssen erreichen, sind erschreckend. So schlagen beispielsweise die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern vor, in der Novelle die Organdosisgrenzwerte komplett zu streichen. Eine solche Streichung wäre keine formale Nebensächlichkeit, sondern würde eine drastische Verschlechterung des Strahlenschutzniveaus zur Folge haben. Wenn man diesen Wünschen folgt, wären beispielsweise anstelle der bisherigen Organdosis von 150 Millisievert für die Knochenoberfläche künftig bis zu 2000 Millisievert pro Jahr zulässig.