Sicherheitslücke in Kühlsystemen

Bund und Länder streiten über Sicherheit von Atomkraftwerken

Losgelöstes Dämmmaterial im Kühlkreislauf von Atomkraftwerken könnte den Zufluss zur Notkühlung des Reaktorkerns blockieren oder zu einer Überhitzung führen. Dieses Sicherheitsproblem könne laut DUH einen Supergau auslösen. Umweltminister Gabriel fordert mehr Sicherheit.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Kiel, 2. Juli (afp/red) - Wegen potenzieller Verstopfungen im Kühlwassersystem von Atomkraftwerken verlangt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) einen Sicherheitsnachweis. "Ich werde darauf bestehen, notfalls auch per Weisung, dass die Länder von den Betreibern einen nachvollziehbaren und vollständigen Nachweis zur Beherrschung dieses Störfallablaufs rechtsverbindlich einfordern", sagte Gabriel der "taz".

DUH: Problem könnte Supergau auslösen

Laut Deutscher Umwelthilfe (DUH) schreiben Reaktorexperten dem demnach ungelösten Sicherheitsproblem das "Potenzial zum Supergau" zu. So könne nach einem Leck im Kühlkreislauf losgelöstes Dämmmaterial entweder den Zufluss zur Notkühlung des Reaktorkerns blockieren oder im Reaktorkern selbst eine Überhitzung auslösen.

Die Reaktorsicherheitskommission habe nach einer Sitzung im vergangenen Dezember festgestellt, dass der "vereinbarte und zugesagte geschlossene Nachweis", dass die Kernkühlung bei einem Leck im Kühlkreislauf sichergestellt sei, von den Betreibern nicht erbracht worden sei, zitiert die von der DUH herausgegebene Zeitschrift "zeo2" aus einem Protokoll. Auch die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit habe diesen Befund im März bestätigt.

Das Land Niedersachsen, das nach Aussage Gabriels bisher noch keine Vorlage von Nachweisen zugesagt hat, bestätigte der "taz" am Donnerstag "politische Differenzen mit dem Bundesumweltministerium", wies Kritik aber zurück. "Wie groß das Problem tatsächlich ist, ist eine Interpretationsfrage", sagte Oliver Pietsch vom Umweltministerium in Hannover. Die von Gabriel angedrohte Weisung bezeichnete eine Ministeriumssprecherin als "machtpolitische Muskelspiele im Vorfeld der Bundestagswahl" vom September.

Sicherheitslücke lange bekannt, aber ungelöst

Laut DUH ist die Sicherheitslücke seit einem Vorfall im schwedischen Akw Barsebäck 1992 bekannt, aber seither trotz jahrelanger Tests der Betreiber nicht gelöst. In einem Schreiben an die für die Atomaufsicht zuständigen Länderministerien habe das Bundesumweltministerium am 10. März die Versuche "zur Klärung der offenen Fragen bei der Nachweisführung" für gescheitert erklärt, berichtete "zeo2". Seither spielten die überwiegend unionsgeführten Landesaufsichtsbehörden auf Zeit, offenbar um "das rettende Ufer der Bundestagswahl zu erreichen", erklärte DUH-Politikchef Gerd Rosenkranz.