Thüringer Wald

Bürgerinitiativen wehren sich gegen geplante Starkstromleitung

Über eine vierspurige Freileitungstrasse mit 380 Kilovolt Spannung soll Strom von Windkraftanlagen in der Nordsee bis in den Süden der Republik transportiert werden. Doch zahlreiche Bürgerinitiativen wehren sich gegen geplante Starkstromleitung von E.ON und Vattenfall.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Großbreitenbach (ddp-lth/sm) - Sorgenvoll zeigt Anette Martin nach Norden in Richtung der Berge des Thüringer Waldes. "Von dort kommt die Stromtrasse, etwa 100 Meter breit und mit 60 Meter hohen Masten", beschreibt sie den geplanten Verlauf der gigantischen Höchstspannungsleitung, die E.ON und Vattenfall genau an ihrem Dorf entlang errichten wollen.

"Die Trasse führt direkt an unseren Häusern vorbei", sagt die 45-Jährige aus Großgarnstadt im Landkreis Coburg und erzählt von ihren Ängsten vor Elektrosmog, über Gesundheitsgefährdungen und die Zerstörung der Natur. "Ich weiß von Fällen, da stieg die Krebsrate in der Nähe von Hochspannungsleitungen eklatant. Und das sind weitaus kleinere Leitungen als die, die bei uns gebaut werden soll", sagt sie ängstlich. Einen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen einer Häufung von Krebserkrankungen und dem Wohnen in der Nähe von Hochspannungsleitungen gibt es nicht, das wisse sie. Doch ihre Angst bleibe. Mit ihren Befürchtungen ist Frau Martin nicht alleine. Von Niedersachsen über Sachsen-Anhalt bis nach Bayern regt sich seit einem Jahr Widerstand gegen das umstrittene Projekt.

Auch in Thüringen nehmen zukünftige Anwohner der Trasse die Pläne nicht klaglos hin. Besonders hartnäckig ist die Gemeinde Großbreitenbach am Rennsteig. In dem traditionellen Erholungsbad steht Marcus Klopsch an der Spitze einer Bürgerinitiative. Der Rechtsanwalt aus Baden-Württemberg ist erst vor drei Jahren mit seiner Familie nach Thüringen gekommen. Dort betreibt er mit seiner Frau eine Ferienhaussiedlung für Familien.

Die beiden fürchten jetzt um ihre Existenzgrundlage – die unberührte Natur des Thüringer Waldes. "Unsere Gäste suchen hier Ruhe und Erholung, wollen wandern und die Natur genießen", sagt Klopsch. Die Freileitungsmasten, die in Großbreitenbach bis zu 100 Meter hoch in den Himmel ragen sollen, kämen für seinen Betrieb einer Katastrophe gleich.

Ärger über Vattenfalls Umgang mit Bürgern

Die Menschen in Großbreitenbach haben aber nicht nur wirtschaftliche Bedenken. Sie fühlen sich auch vom Umgang Vattenfalls mit den Betroffenen provoziert. Jürgen Töpfer berichtet von einer Veranstaltung, bei der der schwedische Staatskonzern seine Pläne vorstellte. "Uns wurde von vornherein gesagt, dass die Stromtrasse über den Rennsteig kommt. Mit oder ohne Protest."

Das berühmte Fass zum Überlaufen brachte für den pensionierten Mathematiklehrer allerdings die Aufforderung der Vattenfall-Manager, die Freileitungen als touristische Attraktion zu begreifen - gleichsam als neuen Wanderweg entlang des Rennsteigs. Vattenfall habe sich gar bereit erklärt, die bis zu 100 Meter hohen Masten in der Nacht anzustrahlen, erzählt Töpfer. Durch diese Arroganz habe er sich der regelrecht zur Gegenwehr aufgefordert gefühlt, sagt Töpfer.

Vattenfall-Sprecherin Geraldine Schröder will die Vorfälle nicht kommentieren. Dem Misstrauen will der Konzern mit Aufklärung begegnen. "Was die Bürger denken, ist uns nämlich keineswegs egal", betont sie. "Grundsätzlich machen wir nichts gegen den Willen der Bürger", beteuert Schröder. Doch die Trasse sei "eine absolute Notwendigkeit zur Sicherung der Energieversorgung".

Der Unmut an der bayrisch-thüringischen Landesgrenze hat derweil eine gemeinsame Basis gefunden. Eine Interessengemeinschaft aus fränkischen und thüringischen Bürgerinitiativen wurde gegründet, man trifft sich alle zwei Wochen und sogar eine gemeinsame Demonstration vor dem thüringischen Landtag wurde organisiert.

Die Proteste werden so schnell nicht abebben. Der Interessengemeinschaft liegt ein unabhängiges Gutachten der Forschungsgesellschaft für Alternativen Technologien und Wirtschaftsanalysen in Heidelberg vor. "In diesem Gutachten steht, dass die Trasse über den Rennsteig wirtschaftlich unnötig ist", sagt Martin. Und deshalb sehen sie und ihre Thüringer Mitstreiter keinen Grund, im Kampf gegen die Energieriesen zu weichen.