"Täuschungsmanöver"

Bürgerinitiative fürchtet weiter Braunkohle-Tagebau bei Lützen

Unter den Dörfern Sössen, Gostau und Stößwitz liegt Braunkohle, deren Abbau die Mibrag anstrebt. In deren Mitteilung, Röcken mit dem Geburtshaus und dem Grab des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) zu verschonen, sieht die Bürgerinitiative Lützen nur ein "Täuschungsmanöver".

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Lützen (ddp-lsa/sm) - Seit Beginn der Erkundungsbohrungen Ende 2006 fürchten die Menschen, dass ihre Orte in etwa 15 Jahren verschwinden. Röcken in den Blick zu rücken, um in Nietzsches Schatten den Tagebau Lützen in Ruhe vorzubereiten, sei eine «strategisch saubere Leistung» der Mibrag, sagt Rainer Küster, Sprecher der Bürgerinitiative Sössen. Wegen der wachsenden Proteste sei absehbar gewesen, dass der Imageschaden für das Land und die Mibrag zu groß geworden wäre. Küster verwies darauf, dass nur der Ort Röcken, nicht aber die dazugehörenden Dörfer Michlitz, Schweßwitz und Bothfeld genannt seien, auch nicht die Sössener Orte südlich der Autobahn 38.

Tatsächlich mögen die Nietzsche-Stätten, aber auch wirtschaftliche Erwägungen gegen Röcken gesprochen haben: Der Ort liegt nördlich der A38, ein Tagebau auf beiden Seiten wäre schwierig, eine Verlegung der Autobahn teuer. Dazu kommen Leitungen und wohl auch die erwartete Menge an Kohle. Erkundungsergebnisse wollte die Mibrag im Sommer vorlegen.

Für die Mibrag geht es um das einzige größere Vorkommen, das auch das Land derzeit favorisiert. Sie will für bis zu zwei Milliarden Euro ein neues Kraftwerk in Profen bauen, um alte Anlagen zu ersetzen. Dafür braucht sie auf lange Sicht Kohle, möglichst aus der Nähe. War Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) wegen Röcken noch um das Landes-Image besorgt, so hat er sich doch im Herbst im Energiekonzept bis 2020 festgelegt: Die Regierung werde dafür sorgen, heißt es, dass seit 1990 in Braunkohle-Infrastruktur geflossene Investitionen "nicht volkswirtschaftlich entwertet werden." Ein neuer Tagebau bei Egeln sei zwar "aus heutiger Sicht unangebracht", einen im Süden des Landes aber sieht Haseloff als Fortsetzung des bisherigen.

Allerdings heißt es im Konzept auch, eine Kohle-Gewinnung "in den Zukunftsfeldern ist nur möglich, wenn in den betroffenen Regionen für derartige Vorhaben Akzeptanz besteht". Daran klammern sich nun die Dörfer. Im November fragten Bürgerinitiative und Gemeinderat von Sössen Haseloff schriftlich, wie ihre Ablehnung zur Geltung kommen könne. Der Minister ließ das Referat Bergbau lapidar antworten: Sollte die Mibrag sich zum Tagebau entschließen, würden die Belange der Bürger in den dann nötigen Genehmigungsverfahren rechtzeitig berücksichtigt.

Von den Nachbarkommunen fühlt sich die Bürgerinitiative verkauft. Bürgermeister und Kreistag haben sich für die Kohle ausgesprochen, wegen der Arbeitsplätze bei der Mibrag. Zuletzt erklärte der parteilose Landrat Harri Reiche, Kraftwerk und Braunkohle bei Lützen eröffneten dem Burgenlandkreise "wichtige energiepolitische Chancen". Küster sagt dazu: "Wir kommen uns vor wie beim Tennis, wie die sich die Bälle hin und herspielen". In keiner Phase würden die rund 840 Bewohner der kleinen Orte einbezogen. Das aber schweiße sie zusammen, versichert Küster. Denn auch Braunkohle-Befürworter fürchteten, wenn man sie jetzt schon nicht anhöre, werde man es auch später nicht, etwa bei Fragen einer Umsiedlung: "Das Vertrauen ist auf dem Nullpunkt."