Am Limit

Brennstäbe in Fukushima Daiichi liegen teilweise frei

Den japanischen Atomspezialisten in der Nuklearanlage in Fukushima Daiichi gelingt es trotz permanenter Wasserzufuhr nicht, die Brennstäbe in den Reaktoren 1, 2 und 3 ausreichend zu kühlen. Versuche, die Wasserzufuhr über Hubschrauber sicherzustellen, mussten inzwischen abgebrochen werden.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Tokio (dapd/red) - Ein Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde NISA sagte der Nachrichtenagentur dapd, nach den letzten verfügbaren Informationen der vergangenen Nacht lägen in den Einheiten die Kernbrennstäbe teilweise zur Hälfte frei.

Damit erhöht sich die Gefahr einer Beschädigung der Brennstäbe und einer Kernschmelze. Für den ebenfalls beschädigten Reaktor 4 lägen keine Daten vor. Nach Angaben des NISA-Mitarbeiters liegen die rund vier Meter langen Kernbrennstäbe im Druckbehälter des Reaktors 1 auf etwa 1,80 Länge frei. In Einheit 2 lägen die Brennstäbe auf 1,40 Meter, in Einheit 3 auf bis zu 2,30 Meter Länge frei.

Nach Angaben des britischen Fachmanns für Atomkraftwerke Shaun Burnie liegen pro Reaktor bis zu 40 Tonnen Kernbrennstoff frei. "Die Brennstäbe schwellen auf und schmelzen, wenn sie nicht gekühlt werden", sagte Burnie der Nachrichtenagentur dapd.

Besonders gefährlich ist die Entwicklung in Reaktor 3. Dort betrifft die Kernschmelze plutoniumhaltige Brennstäbe. Sollte eine Kernschmelze zur Beschädigung des Reaktordruckbehälters führen und Plutonium entweichen, befürchten Experten eine massive Verseuchung und eine enorme Gefährdung der Bevölkerung durch das hochgiftige Spaltmaterial.

Ebenso problematisch: Im Abklingbecken des Reaktors 4 lagern 135 Tonnen abgebrannte Brennelemente. Nach mittlerweile bereits zwei Bränden und dem Versagen der Kühlung hat der Temperaturanstieg zum Wiedereinsetzen der Kettenreaktion geführt. "Es gibt dort keine Kontrollstäbe wie in aktiven Reaktoren, der Spaltprozess läuft unkontrolliert ab", so Burnie. Das würde den mehrfach beobachteten weißen Rauch oder Dampf erklären. Eine besondere Gefahr gehe jetzt von etwa einer Tonne Plutonium aus, die in den Stäben enthalten sei.

Zudem ist die Gefahr der Selbstentzündung dieser Brennstäbe groß, erklärte Atomexperte Mycle Schneider. Damit würde der so genannte "Kamineffekt" einsetzten. "Die Radioaktivität würde sich viel weiter verbreiten, weil sie wie in einem Kamin hoch in die Atmosphäre aufsteigen würde", sage Schneider. Zudem ändere sich die Partikelgröße und die Form der Radionukleide. "Der menschliche Körper ist dadurch stärker gefährdet, weil er diese dadurch tief in die Lunge einatmet."

Die japanische Atomsicherheitsbehörde hatte am späten Abend (Ortszeit) mitgeteilt, in Reaktor 1 seien möglicherweise 70 Prozent der Brennstäbe beschädigt. Die Art des Schadens sei aber unbekannt. Die Brennstäbe könnten entweder dabei sein, zu schmelzen, oder sie könnten Löcher haben.