Umsiedlung gegen Arbeitsplatzverlust

Braunkohle entzweit Menschen in der Lausitz

Die Zukunft der Braunkohle in der Lausitz entzweit die dort lebenden Menschen. Den Ängsten vor der Erschließung neuer Abbaustätten und einer damit verbundenen möglichen Umsiedlung von Orten stehen Befürchtungen vieler Beschäftigten vor dem Verlust des Arbeitsplatzes gegenüber.

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Cottbus (ddp-lbg/sm) - Bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend in der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus prallten die Meinungen aufeinander. Der Leiter des Regionalen evangelischen Verwaltungsamtes Niederlausitz, Reinhard Richter, spricht von einem Dilemma, bei dem nicht zwischen Gut und Böse unterschieden werden könne, sondern abgewogen werden müsse. "Die Angst vor dem Heimatverlust prägt das Leben der Menschen, der soziale Frieden ist in der Lausitz erheblich gestört", sagt er. Zugleich räumt er ein, dass die Mitarbeiter des Energiekonzerns Vattenfall Europe Mining Zukunftsängste vor dem Ende der Braunkohleförderung hätten. Richter fordert deshalb einen offenen Dialog zwischen allen Beteiligten, vor allem eine bessere Informationspolitik von Vattenfall und der Landesregierung.

Volksinitiative: Umsiedlung hat wirtschaftliche Folgen

Für ein Auslaufen der Braunkohleförderung in der Lausitz setzt sich die Volksinitiative "Keine neuen Tagebaue - für eine zukunftsfähige Energiepolitik" ein. "Eine Umsiedlung hat immer wirtschaftliche Folgen", sagt Axel Kruschat, Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Mitinitiator des Volksbegehrens. Er fordert, alle Abbaustätten zur Diskussion zu stellen, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen. "Mit den Beteiligten wird nicht gesprochen, sie erfahren von den Abbauplänen aus der Zeitung", kritisiert er.

BTU-Präsident Walther Zimmerli wirft den Tagebau-Gegnern eine einseitige Betrachtungsweise vor. "Die Umsiedlung aufgrund fehlender Arbeitsplätze ist ein viel größeres Problem", sagt er. Hartmuth Zeiß vom Vorstand der Vattenfall-Bergbauabteilung bezeichnet das Abbaggern von Orten "als letzte aller Möglichkeiten". Zuvor werde immer intensiv nach anderen Varianten gesucht, versichert er.

Entscheidend für die Zukunft der Region sei ein Energiemix, um sich nicht einseitig von der Braunkohleförderung abhängig zu machen, betont Zimmerli. Wind- und Sonnenenergie müsse mehr Beachtung geschenkt werden. Die Stromproduktion mit Braunkohle werde mit der neuen Emissionshandelsperiode der Europäischen Union ab 2013 wesentlich teurer, umweltfreundliche Energiegewinnung deshalb noch attraktiver. Da der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossene Sache sei, könne der Energiebedarf in Deutschland aber ohne den Braunkohleabbau nicht gedeckt werden.

"Ich kenne kein Land auf der Welt, das über wertvolle Bodenschätze verfügt und diese nicht fördern will", sagt Hans-Günter Stein, ehemaliger Mitarbeiter im DDR-Ministerium für Kohle und Energie. Statt den Abbau infrage zu stellen, solle die Region die wirtschaftlichen Chancen des Braunkohleabbaus nutzen und dabei vor allem weiter an der effektiveren und umweltfreundlichen Energiegewinnung forschen.

Im Lausitzer Revier lagern insgesamt 13 Milliarden Tonnen Braunkohle. In der Region sind derzeit die vier Tagebaue Cottbus-Nord, Jänschwalde, Welzow-Süd und Nochten aktiv. Im Tagebau Reichwalde laufen die Vorbereitungen für eine Wiederinbetriebnahme im Jahr 2010. Die Tagebaurestlöcher werden in der Regel mit Wasser aufgefüllt. Im Süden Brandenburgs ist dadurch das touristisch reizvolle Lausitzer Seenland entstanden.