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"Bratenspitze": Phänomen im bayerischen Stromnetz zu Weihnachten

"Am ersten Weihnachtsfeiertag passiert im Stromnetz in Bayern etwas ganz besonderes, das es in anderen Bundesländern nicht gibt!" Dieses geheimnisvolle Phänomen heißt "Bratenspitze", wie der Pressesprecher von E.ON-Bayern, Peter Wendler, erläutert.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

München (ddp-bay/sm) - Diese lässt sich über die so genannte Lastgangkurve messen, die zeigt, wie viel Strom gerade im Freistaat benötigt wird. "Jeder Verbrauchstag muss genau überwacht und geplant werden", sagt Wendler - nicht, dass die Bayern plötzlich im Dunkeln sitzen. Daher stützen sich die Experten auf ihre Statistiken.

Für die Energieversorger steht fest, dass fast alle bayerischen Familien am ersten Weihnachtsfeiertag zur Mittagszeit ihren Braten auf dem Tisch haben wollen. Da sich der Verbrauch durch die nahezu gleichzeitig angeschalteten Backöfen und Herdplatten ab 8.00 Uhr schlagartig erhöht, müssen die Energieversorger rund 400 Megawatt zusätzlich ins Netz speisen, um gerüstet zu sein. "Das entspricht in etwa der Leistung eines mittleren Steinkohlekraftwerks", verdeutlicht Wendler.

Die "Bratenspitze" ist dem Sprecher zufolge ein urbayerisches Phänomen. "Dieser außergewöhnliche Ausschlag in der Lastgangkurve findet in Norddeutschland definitiv nicht statt", betont Wendler. "Die Menschen im Rest Deutschlands scheinen es mit dem Festessen nicht so genau zu nehmen, wie wir in Bayern", mutmaßt er. Die Leistungskurve erreicht im Freistaat zwischen 11.00 und 12.00 Uhr ihren Höhepunkt und fällt dann relativ schnell wieder ab. "Jetzt steht der Braten auf dem Tisch", kann der Experte aus der Ferne feststellen.

Auch an Heiligabend müssen die Stromversorger auf alles vorbereitet sein - nur steigt der Verbrauch an diesem Tag nicht an, er sinkt ab einer bestimmten Uhrzeit schlagartig ab. "Morgens bleiben die meisten Menschen im Freistaat länger in den Federn liegen", schmunzelt der Sprecher. Die Lastkurve steigt langsamer und weniger steil an. Statt wie an Werktagen um 8.00 Uhr erreicht sie erst gegen 11.00 Uhr ihren höchsten Wert.

Der Nachmittag verläuft gemächlich. Doch schon um 17.00 Uhr knickt die Lastkurve plötzlich ein und erreicht bereits um 20.00 Uhr ihren tiefsten Punkt. "An einem Werktag geschieht dies erst zwei Stunden später", betont Wendler. An Heiligabend gehen um diese Zeit Fernseher und Lampen aus, und die Lichter am Baum werden entzündet. "Nun ist Zeit für die Bescherung", weiß der Sprecher aus Erfahrung.

Generell ist der Stromverbrauch an Feiertagen eigentlich deutlich niedriger als an Werktagen. "Das Weihnachtsfest ist aber der Feiertag mit dem höchsten Verbrauch überhaupt", erläutert Wendler. Nach Angaben des Heidelberger Instituts für Energiedienstleistungen gibt ein deutscher Haushalt im Durchschnitt 5,60 Euro zusätzlich für Strom in der ganzen Adventszeit aus.

Die Zubereitung eines Gänsebratens bei einer Garzeit von drei Stunden braucht rund 3,5 Kilowattstunden Strom. Die Bratenrechnung am 2. Weihnachtsfeiertag hingegen ist fast zu vernachlässigen, wie E.ON-Sprecher Wendler versichert: "Für das Aufwärmen der Gänsereste wird nur vergleichsweise wenig Strom benötigt."

Von ddp-Korrespondent Volker Petzsch-Kunze