Analyse

BND: Energie als "Machtwährung"

Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden nach Einschätzung von Geheimdiensten um Wasser und Energieressourcen geführt. Energie, so lautete das gestrige Fazit zum 8. Internationalen Symposium des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Berlin, habe "das Potenzial zu einer Machtwährung in den internationalen Beziehungen".

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Verbunden damit sieht der BND eine wachsende Terrorgefahr für Öleinrichtungen und Transportwege. Als einer der Hauptakteure wird das Terrornetzwerk Al-Qaida ausgemacht. Hier registrieren die Geheimdienstler eine vor gut drei Jahren geänderte Strategie. Waren bis 2003 noch Öllagerstätten und Raffinerien in der muslimischen Welt von Attacken ausgenommen, so planten Terroristen heute ohne Skrupel Anschläge auf Ölpipelines sowie Öleinrichtungen auch in arabischen Ländern. Diese stellten nun in den Augen der Terroristen "legitime Ziele" dar, sagte der für operative Aufklärung zuständige BND-Abteilungsleiter Heiner Wegesin.

Allein im Irak ist es in den vergangenen drei Jahren zu über 300 Anschlägen auf Öleinrichtungen gekommen. Dabei handelt es sich den Geheimdienstangaben zufolge nicht nur um "einfache" Angriffe wie auf ungeschützte Ölleitungen, sondern "logistisch herausfordernde Attacken" wie auf den Ölumschlaghafen in Basra.

Auch Saudi-Arabien, ein enger Verbündeter der USA im Anti-Terror-Kampf, musste 2004/05 mehrere Anschläge auf seine Ölfirmen hinnehmen. Erst in diesem Jahr konnte in letzter Minute ein Anschlag auf den weltweit größten Ölverarbeitungskomplexes in Abqaiq verhindert werden. "Die Ausführung des Anschlages lässt erkennen, dass Insiderkenntnisse vorhanden waren", merkte Wegesin an. Und im vergangenen Monat kam es schließlich im Jemen in Marib und Mukalla erneut zu solchen Terrorangriffen.

Für den BND-Experten setzt der islamistisch motivierte Terrorismus immer mehr auf "wirtschaftliche Kollateralschäden", um Versorgungsengpässe in den Ölförderländern zu erzeugen und den internationalen Ölmarkt in Unruhe zu versetzen. Daher sollten, so die Empfehlung des deutschen Auslandsgeheimdienstes, wichtige Transportwege wie das Horn von Afrika oder auch die Straße von Malakka in Südostasien besser geschützt werden.

Inwieweit diese BND-Analyse schon Grundlage der neuen deutschen Militärpolitik ist, wird in dem seit 2002 laufenden Anti-Terror-Einsatz der Bundeswehr am Horn von Afrika deutlich. Ein Ende des Einsatzes in der Region, die von knapp 50 Prozent der Weltöltransporte passiert wird, ist nicht absehbar. Noch scheut die Politik einen weiteren Einsatz in der 800 Kilometer langen Seestraße in Südostasien, doch gehen bei der NATO bereits erste Überlegungen auch in diese Richtung. Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) baut schon mal vor und betont: Die Energiepolitik stehe "vor der größten Herausforderung seit der Energiekrise 1973/74".

Von André Spangenberg