Neue Wege

Bitterfeld-Wolfen: Von Braunkohle zum Solar Valley

Die Region um Bitterfeld-Wolfen, einer der bedeutendsten Braunkohle- und Chemiestandorte der DDR, galt einst als Synonym für Umweltverschmutzung. Heute zeigt sich hier der Energiewandel wie kaum anderswo, im sogenannten "Solar Valley" arbeiten rund 2700 Menschen in der Solarenergiebranche.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Bitterfeld-Wolfen (ddp/red) - Der Kohleabbau im Tagebau Goitzsche am Rande von Bitterfeld wurde am 30. Juni 1993 endgültig eingestellt. Seitdem hat sich im einstigen Revier vieles verändert. Aus der Braunkohlegrube mit den riesigen Abraumhalden, die einer zerklüfteten Kraterlandschaft glich, ist inzwischen ein See geworden.

Doch mit der Einstellung des Bergbaus rund um Bitterfeld kamen einige andere Probleme auf die Stadt hinzu. Das Grundwasser beispielsweise, das wegen der Kohleförderung ständig abgepumpt werden musste, stieg binnen weniger Jahre. Viele Häuser in Bitterfeld bekamen dadurch feuchte Keller. Etwa 60 Brunnen sollen nun dafür sorgen, dass sie trocken bleiben. Wolfgang Hochstetter, der 35 Jahre lang im Bergbau gearbeitet hat, sieht die Entwicklung insgesamt eindeutig positiv. Er spricht von "einer fast blühenden Stadt Bitterfeld", und meint dabei nicht nur das Grün in den Vorgärten, sondern auch die wirtschaftlichen Fortschritte.

Synonym für Umweltverschmutzung

Bitterfeld-Wolfen war zu DDR-Zeiten nicht nur ein bedeutender Braunkohlenstandort, sondern neben den Chemiekombinaten in Leuna und Buna/Schkopau einer der wichtigsten Chemiestandorte der DDR. Das Chemiekombinat Bitterfeld und das Fotochemische Kombinat ORWO (ORiginal WOlfen) Wolfen waren aber auch Dreckschleudern: Jährlich 58.000 Tonnen Staub und mehr als 120.000 Schwefeldioxid wurden aus den Schornsteinen der Kombinate in die Luft geblasen.

Die Region galt zu DDR-Zeiten als Synonym für Umweltverschmutzung. Der berüchtigte "Silbersee" war ein Beispiel dafür. Die einstige Grube Johannes, in die ab 1921 chemische Schlämme der Filmfabrik geleitet wurden, bekam später wegen der gelartigen Flüssigkeit im Volksmund den Namen "Silbersee". Von 1955 bis zur Wende wurden dort jährlich bis zu 30 Millionen Kubikmeter Abwässer eingeleitet. Etwa 2,7 Millionen Kubikmeter Schlamm hatten sich so in bis zu zehn Meter mächtigen Schichten abgelagert. Erst mit der Stilllegung der Chemiefaserproduktion in der Filmfabrik Wolfen 1989/90 sank die Abwasserlast.

Vorzeigeprojekt für Chemiestandorte

Der in den vergangenen Jahren vollzogene Wandel in der Chemie in Bitterfeld-Wolfen gilt inzwischen als Vorzeigeobjekt für deutsche und internationale Chemiestandorte. Aus den einstigen Kombinaten wurde durch Abriss, Sanierung und Umbau ein 1200 Hektar großer Chemiepark. 11.000 Beschäftigte arbeiten bei 360 Unternehmen.

In Bitterfeld dürfte der sich seit Jahren vollziehende Energiewandel deutlich werden wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Ende der 1980er Jahre betrieb das Braunkohlenkombinat Bitterfeld 21 Tagebaue und 24 Veredlungsanlagen. Heute sorgt im Stadtteil Thalheim ein anderer Energiezweig international für Furore. Thalheim ist zum Zentrum der Solarzellenproduktion aufgestiegen. Große Schilder entlang der Autobahn 9 weisen auf das "Solar Valley" hin, wo heute rund 2700 Menschen in verschiedenen Unternehmen wie der börsennotierten Quells AG arbeiten.

Solarindustrie ist Segen für die Stadt

Die Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen, Petra Wust (parteilos), nennt es einen "Segen", dass sich die Solarindustrie dort angesiedelt hat. Wie sich die Region einmal entwickeln werde, habe vor 20 Jahren niemand gedacht, sagt das Stadtoberhaupt. Sie verhehlt aber auch nicht, dass der gravierende Strukturwandel in Chemie und Bergbau mit dem Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen seine Spuren in den Orten hinterlassen hat. Etwa die Hälfte der Einwohner hat die heutige Doppelstadt seit der Wende verloren. Heute sind es noch 45.000 Menschen, die in Bitterfeld-Wolfen wohnen.