Blick auf Europa

Biosprit E10: Was machen eigentlich die anderen?

In Sachen Biosprit - ohnehin äußerst umstritten - kann Deutschland den übrigen Europäern jetzt als abschreckendes Beispiel dienen. Denn europäische Länder warten ab. Eine Verpflichtung zu E10 gibt es übrigens von EU-Seite her nicht; E10 war Merkels ureigenes Hintertürchen.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

München (dapd/red) - "Man wollte in Deutschland halt wieder mal Zeichen setzen und mit gutem Beispiel vorangehen", sagte ADAC-Sprecher Maximilian Maurer am Freitag. "E10 wird nur bei uns in dieser Form umgesetzt." Das kann man aber auch anders sehen: Schließlich gab es keine Pflicht zu E10, sondern nur eine Pflicht zur CO2-Reduktion, und da erschien der konservativ-liberalen Regierung E10 wohl als das geringste und Autoindustrie-schonendste Übel.

Das Tohuwabohu ging unterdessen weiter - und jeder versuchte, dem anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben. So kritisierte das niedersächsische Wirtschaftsministerium die "Bevormundung der Verbraucher durch die EU" und forderte, die deutschen Autofahrer müssten ihr Benzin frei wählen können.

Keine Vorschrift der EU

Aber die EU-Kommission beeilte sich klarzustellen, dass es von Brüssel gar keine Verpflichtung zur Einführung von E10 in Europa gibt. Erst im Jahr 2020 müssten zehn Prozent der Verkehrsenergie aus erneuerbaren Quellen stammen. Wie, sei Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten. Und es sei alleine die Entscheidung der Bundesregierung, Benzin mit zehn Prozent Ethanol-Anteil einzuführen.

Das hat bisher kein anderes EU-Land getan. Wer als Urlauber irgendwo in Europa Super mit 95 Oktan tankt, bekommt "nichts, was bei uns im E5 bis Januar nicht auch drin war", sagt ADAC-Sprecher Maurer. Tatsächlich seien im E5 nicht fünf, sondern nur knapp zwei Prozent Ethanol. In E10 aber sei so viel von diesem Alkohol, dass er mit Aluminium reagieren und Düsen, Pumpen, Leitungen von drei Millionen Autos in Deutschland angreifen könne.

Dass aber nicht nur drei Millionen, sondern weitaus die meisten deutschen Autofahrer weiterhin E5 tanken, dafür sieht ADAC-Präsident Peter Meyer zwei Schuldige: "Verantwortlich für das kolossale Durcheinander an den Zapfsäulen sind sowohl die Mineralölkonzerne als auch die Fahrzeughersteller, die die Einführung von E10 nur halbherzig begleitet haben", sagte er. Sie müssten jetzt jeden Autofahrer aufklären.

Brasilien fährt sogar E80

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dagegen wirft dem ADAC eine völlig unbegründete Stimmungsmache gegen E10 vor. In Brasilien seien Millionen Autos schon jahrelang mit E80 und E100 unterwegs, "und das sind die gleichen Autos, die bei uns fahren", sagte der Professor für Automobilwirtschaft. Selbst alte VW Käfer tankten dort Ethanol aus Zuckerrohr. "Was die Autoindustrie heute baut, ist auch ausgelegt für Brasilien. In Deutschland sind alle modernen Motoren darauf ausgelegt", sagte Dudenhöffer. Die Mineralölindustrie habe wie gefordert Biosprit produziert. Aber "der ADAC hat die Autofahrer in Deutschland verunsichert und eine Riesenkampagne gefahren".

Kann jeder VW Alkohol pur tanken? Volkswagen gehört zu den meistverkauften Automarken in Brasilien. "Es gibt spezielle Motorenausführungen für den brasilianischen Markt", sagte ein Sprecher in Wolfsburg. Viel sei nicht zu ändern, aber Leitungen und Dichtungen würden angepasst.

Klimabilanz umstritten

Um die Verwirrung komplett zu machen, meldeten sich am Freitag auch die Umweltverbände wieder zu Wort - mit Kritik an E10. "Die Klimabilanz von Biokraftstoffen ist höchst umstritten", sagte NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger erklärte: "Dazu gehören Umweltschäden durch die industrielle Agrarproduktion von Energiepflanzen, die Verdrängung des Pflanzenanbaus für die Ernährung, eine wachsende Flächenkonkurrenz und steigende Lebensmittelpreise."