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Billiger Ökostrom aus Saharawind

Atomkraft statt erneuerbarer Energien: Auf dem G8-Gipfel in St. Petersburg haben sich fast alle großen Industriestaaten für eine Renaissance der Kernenergie ausgesprochen. Nur Deutschland will auf anderem Wege die Stromversorgung sichern und den Kohlendioxid-Ausstoß verringern.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Kassel (ddp-hes/sm) - Kasseler Wissenschaftler sind ohnehin davon überzeugt, dass es zur Windenergie derzeit keine sinnvolle Alternative gibt. Denn wenn sie konsequent genutzt würde, wäre mittelfristig sogar ein vollständiger Umstieg auf Ökostrom möglich - ohne dass die Energie dabei teurer werden müsste als heute.

Für Jürgen Schmid, Chef des Instituts für solare Energieversorgungstechnik (ISET) der Universität Kassel, ist die Geschichte der Windenergienutzung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. In den vergangenen 16 Jahren hat das ISET das Windkraftförderprogramm der Bundesregierung wissenschaftlich begleitet. "Während der Projektzeit entwickelte sich die Windenergienutzung von eher pionierartigen Anfängen zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig mit mehr als 60 000 Arbeitsplätzen", berichtet Schmid.

Knapp 18 000 Windräder - davon 514 in Hessen - decken mittlerweile gut fünf Prozent des Energiebedarfs in Deutschland. Und der Kasseler Professor sieht immer noch große Wachstumspotenziale: "Die Bundesregierung hat als Ziel anvisiert: 20 Prozent bis zum Jahr 2020." Er halte aber auch ein Viertel für "sehr realistisch". Mehr allerdings sei angesichts der Windverhältnisse zwischen Nordsee und Alpen nicht drin: "Da wird die natürliche Grenze der Wirtschaftlichkeit erreicht", erklärt der Wissenschaftler. Deutschland sei das einzige europäische Land, das nicht zu 100 Prozent seinen Strom aus Wind gewinnen könne.

An diesem Punkt setzt Schmids Mitarbeiter Gregor Czisch an. Der Physiker hat untersucht, ob und wie die Energie für rund 1,1 Milliarden Menschen in Europa sowie in den südlich und östlich angrenzenden Staaten kohlendioxid-neutral produziert werden könnte. Ohne die Verbrennung von Kohle, aber auch ohne Atomkraft. Czischs selbstbewusste Antwort: Ja, das ist möglich.

Die Lösung, die er vorschlägt, besteht in einem möglichst großräumigen Verbundnetz. Denn je größer das Gebiet ist, für das die alternative Energieversorgung gemeinsam organisiert wird, desto besser lassen sich die Wetterunterschiede ausgleichen: Die Schwankungen mitteln sich heraus. "Bei einem leistungsstarken Netz, das sich von Südmarokko bis Mitteleuropa erstreckt, wäre sogar mit saisonalen Ausgleichseffekten zu rechnen", sagt Czisch. "Die Windstromproduktion, die bei uns typischerweise im Sommer ihr Minimum hat, erreicht in der Passatwindregion Südmarokkos zur selben Zeit ihr Maximum."

Mit Millionen von Wetterdaten fütterte der Forscher seinen Computer, um zu ermitteln, wo zwischen der Sahara und Skandinavien, zwischen Portugal und der ehemaligen Sowjetunion welche ungenutzten Potenziale an erneuerbaren Energien zu erwarten sind. Er kalkulierte die Kosten für die Stromgewinnung aus Wind, Wasser, Sonne, Biomasse, Fallwind und Erdwärme ebenso wie für den Transport der Energie über Tausende von Kilometern mit den relativ verlustarmen Hochspannungsgleichstromleitungen. Aus alledem ließ er sich den kostengünstigsten Energiemix ausrechnen. Das Ergebnis: Der Windkraft gehört die Zukunft - in Form von groß angelegten Windparks in Nordafrika.

Die dann noch verbleibenden Flauten und Verbrauchsspitzen könnten ganz überwiegend von Biomasse- und bereits bestehenden Wasserkraftwerken bewältigt werden. Und die Kosten? 4,65 Cent pro Kilowattstunde. "Das ist ungefähr genauso viel wie bei einem neuen Kohlekraftwerk", sagt Czisch. ISET-Chef Schmid hält dieses Konzept seines Mitarbeiters durchaus für umsetzbar - wenn auch wohl eher in Form einer schrittweisen Entwicklung. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass unser System in 30 oder 40 Jahren so aussieht, aber es wird nicht auf einen Schlag verändert werden."

Auch von anderen Wissenschaftlern bekommen die Kasseler Rückendeckung: Nach einer Studie, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit Forschern aus Jordanien, Ägypten, Marokko und Algerien vorgelegt hat, könnten im Jahr 2050 fast 80 Prozent des Energiebedarfs in Europa mit billigem Ökostrom aus Nordafrika und Nahost gedeckt werden.

Von ddp-Korrespondent Joachim F. Tornau