Großkrotzenburg

Baubeginn für hessisches Kohlekraftwerk verzögert sich um ein Jahr

Der Bau eines neuen Steinkohlekraftwerks in Großkrotzenburg beginnt frühestens im Herbst 2009. Das gesamte Projekt werde sich wegen des Raumordnungsverfahrens um zwölf Monate verschieben, teilte der Betreiber E.ON auf Anfrage mit.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Großkrotzenburg (ddp-hes/sm) - Möglicherweise hat der Energiekonzern E.ON die Rechnung ohne die Region gemacht. Der Betreiber des Steinkohlekraftwerks Staudinger hatte im Februar die Investition in eine 1,2 Milliarden Euro teure hochmoderne Anlage verkündet. Die Entscheidung zugunsten des Standorts Großkrotzenburg und gegen die Konkurrenten in Rostock, Kiel und Wilhelmshaven sei auch deswegen gefallen, weil die betroffene Stadt der Modernisierung des Kraftwerks wohlwollend gegenüberstehe, hieß es damals. Doch die Nachbarkommunen machten gegen den geplanten Ausbau mobil. Am Mittwoch teilte E.ON mit, der Start des Großprojekts verzögere sich um ein Jahr.

Der Bau des neuen Steinkohlekraftwerks an der Landesgrenze zu Bayern beginnt somit frühestens im Herbst 2009. Ursprünglich sollte der milliardenteure Ausbau im Oktober 2008 starten. E.ON hatte mit dem hohen Wirkungsgrad der modernen Anlage geworben, die "höchsten Umweltansprüchen" genüge. Gegenüber den heutigen Kraftwerksblöcken werde sich der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) dadurch um 20 Prozent verringern.

Streit um CO2-Ausstoß

"Das ist ein Trick", sagt Rolf Wich von der Bürgerinitiative "Stopp Staudinger". Die Angaben bezögen sich auf den CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde. Da die neue Anlage fast doppelt so leistungsstark werden soll wie die alten Kraftwerksblöcke, reduziere sich in der Tat die Schadstoffbelastung pro Kilowattstunde. "Nach dieser Rechnung wäre ein Porsche mit 520 PS auch umweltfreundlicher als ein Smart mit 60 PS", sagt Wich. Absolut betrachtet steige der CO2-Ausstoß in Großkrotzenburg aber von derzeit 4,4 Millionen auf rund 7,8 Millionen Tonnen pro Jahr und damit um mehr als 70 Prozent.

E.ON bestätigt die Zahlen auf ddp-Anfrage, hält dem aber entgegen, dass dafür andere weniger effiziente Anlagen abgeschaltet würden und sich der "globale CO2-Ausstoß" dadurch wieder verringere. Doch davon haben die unmittelbar vom Kraftwerk betroffenen Anwohner in der Region wenig.

Die Bürgerinitiative sammelte daher in Hanau und Umgebung Unterschriften gegen den Ausbau. Im Juni legten die Umweltschützer dem hessischen Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) 30.000 Protestunterschriften vor. Wegen des Widerstands benachbarter Kommunen ordnete die Landesregierung im August ein Raumordnungsverfahren an, weswegen sich das Großprojekt nun verzögert.

Für "Stopp Staudinger" ist der Ausbau ohnehin unnötig. Der schon vorhandene und mit Gas betriebene Block vier des Kraftwerks könne die durch den Ausbau entstehenden Kapazitäten ebenfalls leisten und die gleiche Strommenge bei 20 Prozent weniger Schadstoffausstoß erzeugen, argumentieren sie. "Aber das ist E.ON. wohl zu teuer", vermutet Ausbaugegner Wich. Der Energiekonzern bezeichnet den Block vier als "Spitzenlastblock", der nur im Bedarfsfall und etwa "1000 Volllastbetriebsstunden" im Jahr eingesetzt werde.

Klagen gegen neue Kohlelager

E.ON investiert stattdessen eine Milliardensumme in eine hochmoderne Anlage, die mit einem fossilen minderwertigen Brennstoff betrieben wird. Doch die benachbarten Kommunen Hanau und Hainburg klagen beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof auch gegen die im Zuge der Modernisierung geplanten zwei neuen Kohlelager. Dabei wären die zwei Bunker durch ihre Überdachung im Gegensatz zu dem derzeit offenen Lager ein Fortschritt in Sachen Umweltschutz. "Durch die zwei Lager würde sich die Schadstoffemission bei der Lagerung der Steinkohle um etwa 70 Prozent reduzieren", sagt Gerhard Müller vom Regierungspräsidium in Darmstadt, das den Bau genehmigt hat.

Ein Sprecher der Stadt Hanau spricht dagegen von "einem durchschaubaren Täuschungsmanöver, denn die größeren Kohlelager machen ohne den Ausbau keinen Sinn". Auch der für Mai 2008 geplante Baubeginn der Lager gerät durch die Klage der Nachbarkommunen und die damit verbundene aufschiebende Wirkung ins Wackeln. Denn E.ON müsste nun zunächst beim Regierungspräsidium Darmstadt die sofortige Vollziehung der Genehmigung beantragen, was nach Aussage von Behördensprecher Müller am Mittwoch noch nicht geschehen war. "Vielleicht hat E.ON jetzt gar keine Eile mehr mit dem Bau des Lagers", sagt Müller im Hinblick auf das anstehende Raumordnungsverfahren.