Ökologie

Ausbau der Wasserkraftnutzung bedroht Balkan-Flüsse

Auf dem Balkan gibt es besonders viele unzerstörte Flusslandschaften mit großer ökologischer Bedeutung, wie zwei Studien ergeben haben. Dieser sensiblen und einzigartigen Vielfalt droht jetzt ein Generalangriff der Wasserbaulobby, denn zahlreiche Projekte sollen nahezu alle Flüsse für die Erzeugung regenerativer Energie nutzbar machen.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Radolfzell (red) - "Es besteht die akute Gefahr, dass das "Blaue Herz Europas" und damit ein über Jahrmillionen gewachsenes, einzigartiges europäisches Naturerbe mit einem Schlag zerstört wird", warnt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der europaweit tätigen Naturschutzstiftung EuroNatur.

Extremer Ausbau der Wasserkraftnutzung gefährdet Flüsse

Nahezu alle Balkan-Flüsse sollen für die Nutzung der Wasserkraft ausgebaut werden, teilt die Stiftung mit. Nach Recherchen von EuroNatur und ECA Watch seien derzeit 573 große Wasserkraftwerke (mit mehr als einem Megawatt Leistung) geplant. Hinzu komme ein Netz aus unzähligen kleineren Anlagen. Selbst hochrangige Schutzgebiete blieben von den Plänen nicht verschont. So wolle die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklungmitten im zweitältesten und größten Nationalpark Mazedoniens, dem Mavrovo-Nationalpark, den Bau eines großen Staudamms zur Stromgewinnung fördern.

Zu den besser bekannten Opfern der Ausbaupläne zählt laut den Naturschutzverbänden unter anderem die Save und damit eines der letzten natürlichen Flusssysteme Mitteleuropas. Mehr als 100 Wasserkraftwerke und Staustufen seien hier vorgesehen - sowohl am Hauptfluss als auch an den Nebenflüssen. "Wenn diese intakten Flusssysteme einmal zerstört sind, lässt sich der damit verbundene Verlust für die Biodiversität in Europa niemals rückgängig machen, auch nicht durch Ausgleichsmaßnahmen!", sagt Ulrich Eichelmann, Koordinator von ECA Watch.

Noch viele ursprüngliche Flussgebiete auf dem Balkan

Zum Untersuchungsgebiet zählten sämtliche Länder des ehemaligen Jugoslawien, Albanien sowie die grenzübergreifenden Fluss-Einzugsgebiete im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Knapp ein Drittel dieser Lebensadern sind noch in einem ursprünglichen Zustand und von Menschen so gut wie nicht verändert. In Albanien und Mazedonien beträgt der Anteil der natürlichen Flüsse sogar zwei Drittel. Zum Vergleich: In Deutschland gelten nur noch zehn Prozent der Flüsse als naturnah, 60 Prozent sind dagegen stark reguliert.

Gefährdung der Artenvielfalt

Noch zählt das "Blaue Herz Europas" zu den Hotspots der Biodiversität. Unter anderem kommen hier mehr als die Hälfte aller in Europa gefährdeten Süßwasser-Mollusken und 28 Prozent sämtlicher in Europa gefährdeten Süßwasser-Fischarten vor - darunter die Adria-Muschel und die Adria-Forelle. Zudem zeichnet die Region eine besonders große Dichte endemischer Fischarten aus: Allein 69 Fischarten gibt es nur auf dem Balkan (südlich der Donau und nördlich von Griechenland). Einige davon kommen dort wiederum nur in wenigen Flüssen vor. Selbst geringfügige Eingriffe in ihren Lebensraum könnten schnell das Aus bedeuten.