Elsass und Aargau

Atompolitik wird in Grenznähe zunehmend zum Zankapfel

Nach dem Votum für eine grün-rote Landesregierung im Südwesten gewinnt das Thema Atomausstieg in den Kommunen der Grenzregionen an Fahrt und strapaziert die Nachbarschafts-Beziehungen zu Frankreich und der Schweiz. Gerade der französische Altmeiler Fessenheim erhitzt die Gemüter.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Freiburg (dapd/red) - Bürgermeister und Landräte, deren Gemeinden nur wenige Kilometer und oft in Sichtweite zu den Atomkraftwerken Fessenheim im Elsass sowie Leibstadt und Beznau im Schweizer Kanton Aargau liegen, halten in Sachen Atomenergie nur eine europäische Lösung für wirklich sinnvoll. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dapd.

Im Fokus ist vor allem Fessenheim

Vor allem Fessenheim bereitet vielen Bewohnern des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald Unbehagen. Die drei CDU-geführten Kommunen Breisach am Rhein, Müllheim und Bad Krozingen sind deshalb Mitglieder im Trinationalen Atom-Schutzverband (TRAS), der sich vehement für die Stilllegung des ältesten Atommeilers Frankreichs einsetzt. TRAS-Vizepräsident Axel Mayer sagt, es gebe "massive Zweifel" an der Sicherheit des Werks, es sei pannenanfällig, altersschwach und erdbebengefährdet.

Auch der Müllheimer Bürgermeister René Lohs hebt die Gefahr eines Erdbebens für die am seismisch aktiven Oberrheingraben liegende Region hervor. "Dass sich Experten in der Einschätzung der diesbezüglichen Sicherheit permanent widersprechen, dient nicht der Beruhigung", moniert er.

Den Bedenken stehen die Angaben des Betreibers gegenüber, denen zufolge das AKW so konstruiert wurde, dass es einem Erdbeben der Stärke 6,7 auf der Richterskala ohne Schäden standhält. Das stärkste Beben in der Region, mit einem geschätzten Wert von 6,2 auf der Richterskala, erschütterte im Jahr 1356 die Stadt Basel in der Schweiz.

Einfluss der neuen Landesregierung begrenzt

Bad Krozingen liegt 15 Kilometer von Fessenheim entfernt und damit in der zweiten Evakuierungszone. Bei einem Störfall wäre die Gemeinde auf jeden Fall betroffen, erklärt Bürgermeister Ekkehart Meroth. "Uns wäre es wohler, wenn Fessenheim nicht mehr betrieben wird", betont er.

Die Beziehungen zu den Franzosen sind nach Ansicht Meroths etwas belastet. "Die halten die deutschen Ängste für nicht nachvollziehbar und sehen dadurch hunderte Arbeitsplätze im Elsass gefährdet", erläutert er. Den Einfluss der neuen grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg hält Meroth, ebenso wie der Bürgermeister von Breisach, Oliver Rein, in punkto Atomenergie für begrenzt.

Keinen Druck von deutscher Seite spürt Michel Habig, Bürgermeister der elsässischen Gemeinde Ensisheim. Alle Fragen und Forderungen zum AKW Fessenheim kämen in den Sitzungen der französischen Kommission zur Überwachung der Sicherheit des Kernkraftwerks (CLIS) "auf den Tisch", sagt er. In der CLIS seien neben französischen Kommunen auch der Landkreis und das Freiburger Regierungspräsidium vertreten, fügt er hinzu.

Gespannte Gelassenheit in der Schweizer Grenzregion

Nahe der Schweiz gibt es zwar anders als an der deutsch-französischen Grenze keinen organisierten Widerstand gegen Atomenergie, die Anwohner haben aber dennoch ein wachsames Auge auf die Situation im Nachbarland. Das Schweizer AKW Leibstadt steht nur vier Kilometer von der Kreisstadt Waldshut-Tiengen entfernt. Wenn Landrat Tilman Bollacher (parteilos) aus seinem Bürofenster schaut, sieht er den dicken Kühlturm des Atommeilers.

Gedanken um die Sicherheit mache er sich oft gibt er zu, aber als Laie gehöre auch eine "gehörige Portion" Hoffnung dazu, denn "letzte Sicherheit" gebe es nicht. Würde eine ähnliche Katastrophe wie in Japan im dicht besiedelten Südbaden passieren, würden weite Teile Baden-Württembergs und der Nordschweiz unbewohnbar, erklärt Bollacher.

Stefan Kaiser (parteilos), Bürgermeister von Albbruck im Kreis Waldshut, hat ebenfalls ein wachsames Auge auf Leibstadt. Jedoch sei die Schweiz ein souveränes Land, da sei es schwierig Einfluss zu nehmen - eine europäische Lösung müsse deshalb her, fordert Kaiser. "Was nützt es, wenn Neckarwestheim abgestellt wird, das ist viel weiter weg", sagt er.

In Schwaderloch, der Schweizer Nachbargemeinde von Albbruck, zeigt man sich gelassen. Das Kraftwerk Leibstadt gehöre seit 30 Jahren zu dieser Gegend und sei von den Leuten akzeptiert, erläutert Gemeindeschreiber Rolf Walker. Gemeindepräsident Rolf Häusler nimmt an, dass nach den Ereignissen in Japan der Druck auf politischer Ebene zwischen Bund und dem Kanton Aargau gestiegen ist. In Schwaderloch sei davon aber nichts zu spüren, fügt er hinzu.