Bizarr

Atommüll: Streit über mögliche oberirdische Lagerung

Ein Vorstoß aus Niedersachsen zur oberirdischen Lagerung von hoch radioaktivem Müll sorgt für Verwirrung. Der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) schlug eine dauerhafte oberirdische Lagerung von hoch radioaktivem Müll als mögliche Alternative zum Salzstock Gorleben vor.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Hannover (dapd/red) - Er forderte die Bundesregierung auf, als Variante zu prüfen, "ob eine oberirdische Lagerung der Abfälle für 100 bis 150 Jahre in Betracht käme". Die Grünen und das Bundesamt für Strahlenschutz wiesen den Vorschlag am Mittwoch zurück.

Bei der Erkundung des Salzstocks Gorleben müsse man sich darauf einstellen, "dass das Ergebnis nicht positiv sein könnte", erklärte Sanders Ministerium. Eine mögliche Alternative zur Endlagerung sei eine sehr langfristige Zwischenlagerung in oberirdischen Bunkern. Aus Gründen der Akzeptanz könnten die Bunker etwa auf dem Gelände eines stillgelegten Kernkraftwerkes errichtet werden.

Radioaktiver Abfall als Energieträger?

Sander zufolge böte eine oberirdische Aufbewahrung zudem die Chance, den Abfall bei einem späteren wissenschaftlichen Fortschritt in einigen Jahrzehnten womöglich als Energieträger zu nutzen. Die Option einer Endlagerung in tiefen Gesteinsschichten sei durch den Vorschlag der oberirdischen Lagerung aber noch nicht vom Tisch, hieß es.

Der FDP-Politiker verlangte zudem, die Erkundung des Salzstocks in Gorleben zum Abschluss zu bringen. Dies sei schon aus rechtlichen Gründen erforderlich, weil es eine Option auf einen Endlagerstandort geben müsse, sagte er. Daneben sollten sich jedoch alle Bundesländer für die Frage öffnen, ob es zu Gorleben Alternativen gebe, etwa die Lagerung in Tonschichten.

Bundesamt gegen Lagerung in Bunkern

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BFS) sprach sich gegen eine dauerhafte Atommülllagerung in oberirdischen Bunkern aus. Es begrüßte aber Sanders Forderung, Alternativen zu Gorleben zu suchen. Man müsse in einem neuen Verfahren in Deutschland den geeignetsten Standort für die Endlagerung des strahlenden Mülls finden, sagte BfS-Präsident Wolfram König. Nach Baden-Württemberg habe sich nun auch Niedersachsen für eine neue Suche ausgesprochen. Damit biete sich die Chance zum Endlagerkonsens über Parteigrenzen hinweg.

König bezeichnete die von Sander vorgeschlagene oberirdische Lagerung von Atommüll aber als falschen Weg. Man dürfe nicht hoffen, "dass sich künftige Generationen der von uns geschaffenen Probleme annehmen", sagte er. Die Forderung nach einer oberirdischen Lagerung für lange Zeit komme dem "Abbau von Sicherheitsanforderungen an die Entsorgung von Atommüll" gleich. Man müsse den Atommüll am geeignetsten Standort dauerhaft und wartungsfrei endlagern, ohne künftigen Generationen Bewachungsaufgaben zu überlassen.

"Proatompolitischer Wirrkopf"

Die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg warf Sander ebenfalls vor, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle auf die lange Bank schieben zu wollen. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke verlangte einen Neustart der Endlagersuche ohne Gorleben, an dem sich alle Bundesländer beteiligen müssten.

Die Grünen im niedersächsischen Landtag bezeichneten Sander als einen "proatompolitischen Wirrkopf". Der FDP-Politiker werfe End- und Zwischenlagerung durcheinander und erkläre den radioaktiven Müll zum möglichen Energieträger der Zukunft, monierte Fraktionschef Stefan Wenzel.