Fukushima

Atomexperten fordern umfassendere Evakuierungen

Angesichts der anhaltend kritischen Lage in der japanischen Nuklearanlage Fukushima-Daiichi wird der Ruf nach umfassenderen Evakuierungsmaßnahmen laut. Vor allem schwangere Frauen und Kinder müssten in Sicherheit gebracht werden. Eine Kernschmelze sei noch immer nicht auszuschließen.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Paris/Tokio (dapd/red) - "Es ist unverständlich, dass die Evakuierungen nicht längst fortgesetzt worden sind", sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, Rebecca Harms. Der Alternative Nobelpreisträger und Atomfachmann Mycle Schneider bezeichnete die Evakuierungen als "wahnsinnig dringend". Rebbecca Harms vermutet, "dass sich die Behörden zurzeit einseitig darauf konzentrieren, die Reaktoren unter Kontrolle zu bringen, und deshalb nicht parallel die Evakuierungen vorantreiben".

Beruhigungsversuche sind "katastrophaler Fehler"

Die japanische Regierung dagegen setzte zumindest am Montagmorgen auf Beschwichtigung und sprach von "stetigen Fortschritten". Internationale Atomexperten bezeichneten abwiegelnde Äußerungen zur Situation in der Nuklearanlage Fukushima-Daiichi als "katastrophalen Fehler". Der britische Kernenergie-Fachmann Shaun Burnie sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Die offiziellen Beruhigungsversuche sind offensichtlich lächerlich. Es werden schließlich erhöhte Strahlenwerte in 100 Kilometer Entfernung von Fukushima gemessen. Und das, obwohl der Wind in eine andere Richtung geweht hat. Das sollte uns eine ernste Warnung sein."

Umfassende Evakuierungen gefordert

Schneider, der international als Berater im Bereich Energie und Atompolitik tätig ist, plädierte für sofortige, umfassendere Evakuierungen. Er kritisierte die offiziellen Verlautbarungen: "Es ist unverantwortlich, jetzt tendenziell Entwarnung zu geben. Die Lage in Fukushima ist wahnwitzig instabil", sagte Schneider der Nachrichtenagentur dapd. So sei es beispielsweise grundsätzlich besser, Strom an den Reaktoren zu haben. Aber, fragt Schneider: "Wer weiß, ob die Kühlpumpen, die damit betrieben werden sollen, überhaupt noch funktionsfähig sind".

Erst am Montagmorgen hatte Ministerpräsident Naoto Kan von einem "langsamen, aber stetigen Fortschritt" an der Atomanlage gesprochen. Auch bei der japanischen Atomaufsicht NISA hieß es auf dapd-Anfrage: Die Lage in Fukushima sei relativ stabil. Der Druck im Reaktorblock 3 steige lediglich geringfügig. Kurz darauf ging eine Eilmeldung um die Welt: Über dem Reaktor 3 sei grauer Rauch zu sehen. Arbeiter seien evakuiert worden.

Zustand der Reaktoren weiterhin unklar

Zuvor war zumindest zeitweise der Eindruck entstanden, dass sich die Situation in Fukushima entspannt hat. Löschfahrzeuge des Militärs und der Feuerwehr besprühen die Reaktorgebäude inzwischen rund um die Uhr mit Wasser. Die Temperaturen in den Gebäuden seien zurückgegangen - behaupten die Regierung und der Betreiber der Nuklearanlage, die Tokio Electric Power Company (Tepco). Tatsächlich jedoch liegt der Zustand der entscheidenden Systeme weitgehend im Dunkeln: In welchem Zustand etwa befinden sich die Umwälzpumpen, über die die Brennstäbe gekühlt werden sollen? "Es ist nach den gewaltigen Explosion dort sehr fraglich, ob da noch viel heil ist", sagte Schneider.

Woher kommen die zum Teil erheblichen Druckschwankungen, die in den Reaktordruckbehältern gemessen werden? Für Schneider deutet dies darauf hin, "dass die Kernbrennstäbe offenbar nicht stabil mit Wasser bedeckt sind". Liegen Brennstäbe ungekühlt und trocken, kann dies zu einer kompletten Kernschmelze führen. Und noch eine Frage bewegt die Fachleute: Warum schaffen es die Katastrophenmanager nicht, die Brennstäbe in den Reaktoren dauerhaft und gänzlich mit Wasser zu bedecken - obwohl sie schon seit Tagen Wasser in die Systeme pumpen?

Strahlung belastet Wasser und Lebensmittel

Ende vergangener Woche hatte das französische Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) gewarnt: Die aus der Anlage in Fukushima-Daiichi ausgetretene Strahlung betrage schon etwa ein Zehntel der 1986 vom Reaktor 4 in Tschernobyl freigesetzten Dosis. In Japan hat die Regierung inzwischen bekannt gegeben, dass in Milch und Spinat erhöhte Radioaktivitätswerte festgestellt wurden. Im Umfeld von Fukushima sind erste Dorfbewohner wegen der Verseuchungsgefahr aufgefordert worden, kein Leitungswasser mehr zu trinken. Betroffen war die Ortschaft Iitate, die etwa 30 Kilometer nordöstlich Fukushimas liegt - und damit außerhalb der auf 20 Kilometer begrenzten Evakuierungszone.