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Entscheidung

Atomare Kaltreserve ist vom Tisch (Upd.)

Die Bundesnetzagentur verzichtet auf die Nutzung eines stillgelegten Atomkraftwerks als Reserve für mögliche Stromengpässe im Winter. Dies sei für die Stabilität des Netzbetriebs nicht notwendig, teilte die Behörde am Mittwoch in Berlin mit. Im Notfall sollen Kohlekraftwerke Strom liefern.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (afp/red) - Deutschland soll auch ohne das Wiederanfahren eines bereits stillgelegten Atomkraftwerks durch die kommenden Winter kommen. Für die Stabilität des Netzbetriebs sollen zur Not Gas- und Kohlekraftwerke sorgen.

Im Fall außergewöhnlicher Störungen bleibe "das Übertragungsnetz ohne Einsatz eines Reserve-Kernkraftwerks beherrschbar", erklärte Netzagentur-Chef Matthias Kurth. Seine Behörde hatte aufgrund des Atomausstiegs mehrfach vor einem steigenden Risiko für die Stromnetze im Winter gewarnt. Eine kritische Situation könnte entstehen, wenn an einem kalten Wintertag viel Energie gebraucht und gleichzeitig wenig Strom aus Sonne oder Wind gewonnen wird.

Keine atomare Kaltreserve

Die Behörde geht davon aus, dass in Extremsituationen rund ein Gigawatt Leistung in Süddeutschland fehlen könnte. "Es handelt sich nicht um rein theoretische Fälle, sondern um Konstellationen, die im realen Netzbetrieb eintreten können", sagte Kurth.

Die Netzagentur machte insgesamt fünf Kohlekraftwerke aus, die bei Engpässen wieder angefahren werden können. Der Block 3 des Großkraftwerks Mannheim, das Kraftwerk 2 in Mainz-Wiesbaden, Block C des Kraftwerks in Ensdorf, das Kraftwerk Freimann in München sowie die Ölraffinerie Oberrhein sollen demnach insgesamt gut ein Gigawatt Leistung liefern können, wenn dies benötigt wird. Gut ein weiteres Gigawatt könnten Kraftwerke in Österreich liefern.

Ob die Reserve-Kraftwerke benötigt werden, ist unklar. "Wenn wir einen milden Winter bekommen, wird vielleicht nicht eines dieser Kraftwerke laufen müssen", sagte Kurth. Kommt die Reserve zum Einsatz, könnte dies auch den Strompreis steigen lassen. Die Reserve-Kraftwerke sind solche, die normalerweise zu teuer sind, um Strom zu produzieren. Im Notfall liefern sie dann zu vorher vereinbarten Konditionen Strom. Der ist teurer als normaler Strom, die genauen Kosten stehen aber noch nicht fest. "Das wird zwar etwas kosten, aber die Sicherheit muss uns das wert sein", sagte Kurth.

Der Behördenchef warb daher auch darum, einzelne Kohlekraftwerke später stillzulegen als bislang geplant, damit auch diese als Reserve dienen könnten. "Entspannung" könne erst eintreten, wenn neue Kraftwerke in Betrieb genommen würden. Das müssten auch in Zukunft häufig Kohle- oder Gaskraftwerke sein, sagte Kurth: "Für die kommenden Jahre halte ich konventionelle Kraftwerke für unverzichtbar."

Ausbau der Netze unverzichtbar

Zudem müssten die Stromnetze so schnell wie möglich ausgebaut werden, denn diese seien "am Rande ihrer Belastbarkeit", sagte Kurth. Dies ist beispielsweise nötig, um Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Westen und Süden Deutschlands zu transportieren. Ansonsten kann es vorkommen, dass an sich ausreichend Strom in Deutschland produziert wird, er aber nicht bei seinen Empfängern ankommt.

Für das Kraftwerk in Mannheim hatte Baden-Württemberg zugesagt, Umweltschutz-Vorschriften zu ändern, um Block drei nutzen zu können. Die grün-rote Landesregierung wollte damit den Einsatz eines Akw verhindern. Das Land begrüßte nun die Entscheidung der Netzagentur: Damit sei das primäre Ziel erreicht, keines der wegen Sicherheitsmängeln abgeschalteten acht Atomkraftwerke wieder ans Netz nehmen zu müssen, erklärte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne).