Mehr Transparenz

Asse war "von Anfang an" als Endlager für Atommüll geplant

Jahrzehnte lang hatte das Atommülllager Asse ein falsches Etikett. Das als Forschungsbergwerk ausgewiesene Salzbergwerk sei von Anfang an als Endlager geplant gewesen. Das Bundesamt für Strahlenschutz setzt nun auf mehr Transparenz.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Wolfenbüttel (ddp/red) - Mit zehn Metern pro Sekunde rauscht Wolfram König im Fahrstuhl in die Tiefe. Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) ist derzeit häufig unten im Bergwerk Asse, um sich über den Stand der Dinge in dem einsturzgefährdeten Atommülllager bei Wolfenbüttel zu erkundigen. Seit das BfS Anfang des Jahres die Aufsicht über die Asse übernommen hat, hat sich einiges geändert unter Tage.

BfS setzt nun auf mehr Transparenz

König will endlich "Transparenz" in die mysteriösen Vorgänge in dem maroden Bergwerk bringen. Das sei man der Öffentlichkeit und insbesondere der Bevölkerung im Umland schuldig, sagt er. Neuerdings achtet man in dem Lager für Atommüll auch auf Strahlenschutz. Jetzt bekommt jeder Besucher, der in die Asse herunterfährt, ein Dosimeter ausgehändigt, das permanent die Strahlenbelastung misst. Als die Asse noch vom Helmholtz Zentrum München und unter Bergrecht betrieben wurde - also bis zum 31. Dezember 2008 - war laut König nicht mal für die Bergleute ein Dosimeter Pflicht, und auch nicht für Besuchergruppen.

König spricht von einem "Strahlenschutzregime", das nicht den "gesetzlichen Anforderungen" entsprochen habe. Besuchergruppen sollen in Jeans und Straßenschuhen herunter in die Asse gefahren, Journalisten gar auf den blanken Atommüllfässern herumspaziert sein. Mittlerweile sind die gelben Fässer nicht mal mehr zu sehen - geschweige denn begehbar. Offenbar kam das BfS zu der Erkenntnis, dass möglicherweise eine Gefährdung der Gesundheit vorgelegen hatte.

Günstige Entsorgung von Atommüll

Politisch brisanter ist die Erkenntnis des neuen Betreibers BfS, wonach das offiziell zu Forschungszwecken ausgebaute Bergwerk Asse seit Anbeginn der zivilen Nutzung von Kernenergie in Deutschland als Endlager für Atommüll vorgesehen war. Die Asse "war von Anfang an" eine "kostengünstige" Entsorgungsanlage für den radioaktiven Abfall der Atomkraftwerke (AKW), betont König. Aus sämtlichen in den sechziger und siebziger Jahren in Deutschland betriebenen AKW sei schwach- und mittelradioaktiver Müll in die Asse geliefert und dort eingelagert worden. Forschung über die Eignung von Salz für die Endlagerung von Atommüll habe dagegen immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Zwischen 1967 und 1978 wurden in der Asse insgesamt rund 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall deponiert. Besondere Eile hatten die Energiekonzerne offenbar ab Mitte der 70er Jahre, möglichst viel atomaren Abfall in der Asse unterzubringen.

So drängten sie nach jüngsten Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace den damaligen Asse-Betreiber Gesellschaft für Strahlen und Umweltforschung (GSF, heute Helmholtz Zentrum München), bei den Einlagerungen Mitte der 70er Jahre erfolgreich zu einer Senkung der Sicherheitsstandards. Danach durften angelieferte Fässer ab Dezember 1975 fünfmal mehr Radioaktivität enthalten als ursprünglich vorgesehen. König sagt dazu, es sei "auffällig", dass 30 Prozent der gesamten Abfälle erst in den letzten Jahren vor dem Einlagerungsstopp verklappt worden seien.

Wohin mit Atommüll aus der Asse?

Möglicherweise werden die Atommüllfässer bald wieder freigelegt. Eines der Konzepte für die Lösung des Endlagerproblems in der Asse sieht vor, den atomaren Abfall rückzuholen und über Tage zu bringen, bevor die Asse einstürzt. Anschließend würden die Fässer in das Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter gebracht. Oder aber die Experten entscheiden sich für die Option "Umlagerung" - die Schaffung eines sicheren Endlagers in tieferen Schichten unter den jetzigen Asse-Hohlräumen, gewissermaßen ein "Endlager im Endlager", sagt König. In diesem Moment klingt sein Referat sehr abenteuerlich. Aber zur neuen Transparenz gehört wohl, dass man auch abenteuerliche Planspiele bekanntgibt.

Die entscheidende Frage wird sein, ob der Strategiewechsel zu mehr Transparenz und Aufklärung nicht zu spät kommt. Über Jahrzehnte wurde der Umgang mit atomarem Müll in der Asse verharmlost oder verschleiert. Jetzt, mit dem Beginn der neuen Ehrlichkeit, droht das Bergwerk einzustürzen. Und damit wäre auch die Transparenz über den jahrzehntelangen Umgang in Deutschland mit Atommüll in fast einem Kilometer Tiefe verschüttet.