Ares Energie AG übernimmt vorläufig Vossnet-Kunden - 60 Mark werden erstattet - Konstrukt wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt

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Die ares strom direkt GmbH, ein Unternehmen der Berliner ares Energie AG, wird die vorläufige Belieferung der Vossnet-Kunden zu eigenen Konditionen übernehmen - sofern dies im Interesse der Kunden ist. Dies teilten beide Unternehmen heute mit. "Unabhängig von allen juristischen Ermittlungen gegen das Bremer Unternehmen Vossnet Communications haben die Kunden ein Recht darauf, mit preiswerter Energie beliefert zu werden", so ares-Vorstandsvorsitzender Andreas Rose. Eigenen Angaben zufolge wird Vossnet in den kommenden Tagen alle Kunden anschreiben, um diese über das Angebot zu informieren. Dem Schreiben wird - voraussichtlich - ein Formular beiliegen, mittels dem die Kunden die ares Energie AG mit der zwischenzeitlichen Stromlieferung beauftragen können. Auf Grund der nur vierwöchigen Kündigungsfrist könne man - "sofern man dies möchte", wie es seitens der ares Energie AG hieß - wieder zu Vossnet wechseln. Voraussetzung dafür ist natürlich der Umstand, dass Vossnet einen Energieversorger findet, der zu Vossnet-Konditionen Strom bereitstellt - und den gibt's bis dato offensichtlich noch immer nicht. Fällt Vossnet nunmehr auf die Füße anstatt auf den Bauch?

Abwarten. Denn noch werfen sich mehr Fragen auf, als es Antworten gibt - aber gerade diese wären von erheblicher Bedeutung, um endlich Klarheit im "Fall Vossnet" zu bekommen. Einziges Problem: Vossnet sperrt sich geradezu gegenüber der Öffentlichkeit, einen Ansprechpartner oder gar einen Pressesprecher gibt es nicht, auch die Stelle des Geschäftsführers soll derzeit vakant sein. Die Pressemitteilung vom heutigen Donnerstag, die übrigens auf den gestrigen Mittwoch datiert ist, trägt keine Unterschrift, sondern lediglich die Kennung "Vossnet Communications GmbH"; als Geschäftsführer wird im Briefbogen noch immer Thorsten Faber geführt, der jedoch schon vor einigen Wochen das Handtuch geschmissen hat. Mit anderen Worten: Die Informationspolitik des Unternehmens ist mangelhaft, besser: schlichtweg nicht vorhanden. Angesichts der Negativschlagzeilen der vergangenen Wochen liegt dieser Tatsache eine Paradoxie zugrunde, die per se eine gewisse Skepsis hervorruft.

Zunächst sind da die 60 Mark Anmeldegebühr, die Verbraucher vorab zahlen mussten, um Stromkunde bei dem originären Internet-Provider zu werden. Diese Gelder, versichert Vossnet, sollen umgehend zurückgezahlt werden. Gleichwohl das Geld auf einem von der Staatsanwaltschaft "blockierten" Konto liegt und für Vossnet nicht zugänglich ist, zeigt sich zumindest in diesem Punkt der sprichwörtliche Hoffnungsschimmer am Horizont: Sofern das Geld an die Kunden zurücküberwiesen werde, stünde das Geld zur Verfügung, wie die Sprecherin der Bremer Staatsanwaltschaft, Ingrid de Boer, heute Abend gegenüber dem strom magazin sagte. Vossnet allerdings machte keine Angaben darüber, wie die Rücküberweisung vonstatten gehen soll.

Undurchsichtig ist die zudem die Vertragsfrage: Laut den Vertragsbedingungen der Vossnet Communications GmbH ist der Auftrag zur Stromlieferung dann hinfällig, wenn nicht "maximal sechs Monate" nach Vertragsunterzeichnungen Strom geliefert wird. Nun kommt mit der ares Energie AG ein neuer Vertragspartner mit anderen Preiskonditionen "ins Spiel" - wie sich das wiederum auf den ursprünglichen Vertrag auswirkt, darüber schweigt sich Vossnet aus. Sind die Kunden, die bei der ares Energie AG unterschreiben, überhaupt noch an Vossnet gebunden? Kann man wieder von ares zu Vossnet wechseln? Oder wäre es - nach all den Querelen - nicht einfacher, die ohnehin verbraucherunfreundliche Frist von sechs Monaten ablaufen zu lassen, um sodann gänzlich aus der Vertragsbindung an Vossnet aussteigen zu können? Eines liegt auf der Hand: Aus rechtlicher Sicht sind die Kunden keineswegs darauf angewiesen, das heutige Angebot wahrzunehmen - schließlich haben sie bei Vossnet zu deren Preis unterschrieben. Ändern sich die Vertragsbedingungen, greift aus juristischer Sicht automatisch ein außerordentliches Kündigungsrecht.

Mit der ares Energie AG hat sich jedoch ein Unternehmen angeboten, das verspricht, Kunden bereits zum 1. März mit Strom versorgen zu können. Grund dafür sind Durchleitungsverhandlungen mit Netzbetreibern, die die ares Energie AG - im Gegensatz zur Vossnet Communications GmbH - bereits geklärt hat. Vossnet selbst gibt an, "mit erheblichen Widerständen vieler Netzbetreiber zu kämpfen" zu haben. "Durch die Preisgestaltung seitens der Netzbetreiber liegen die Durchleitungsentgelte in Deutschland zur Zeit um ca. 100 Prozent über den Beträgen, die in anderen, bereits liberalisierten Märkten, zum Beispiel Skandinavien, üblich sind. Aus diesen Gründen sind auch unsere Verhandlungen noch nicht abgeschlossen", entschuldigt sich Vossnet quasi für die "Verzögerung". Bleibt nur mehr die Frage, ob man dies nicht vorher hat einkalkulieren können und auf welcher Basis Vossnet seinen regelrechten Dumping-Preis konstruiert hat. Immerhin ist hier - und das muss man sich immer wieder vor Augen halten - von rund 30.000 Kunden die Rede, auf deren Rücken augenblicklich vielleicht ein Präzedenzfall in Sachen liberalisierter Strommarkt ausgetragen wird.

Die Gespräche zwischen Vossnet und ares, die heute in besagter Vereinbarung mündeten, laufen - das betonten beide Unternehmen unisono - bereits seit Dezember vergangenen Jahres. Eben hier wirft sich die nächste Frage auf: Warum hat Vossnet der Kölner KaWatt AG dieser Tage das Angebot unterbreitet, über 100.000 Kundendaten anzukaufen, wo die "Übergangslösung" - oder wie immer man dieses Konstrukt auch immer bezeichnen möchte - mit ares doch offenkundig absehbar war? Und letztendlich schwebt über all diesen Unklarheiten die Frage, warum Vossnet seine Kunden in einer solchen Ungewissheit lässt und auch die interessierte Öffentlichkeit nicht über den aktuellen Stand der Ereignisse informiert - anstatt in regelmäßigen Abständen zu versichern, dass man tatsächlich Strom zu den eigenen Konditionen liefern werde, wäre es aus strategischen Gründe sicherlich naheliegender, die "Flucht nach vorn" zu ergreifen. Oder ist das Vossnet ganz einfach nicht möglich?

Noch etwas hat die Vossnet Communications GmbH heute angekündigt - nämlich die Umwandlung zur Aktiengesellschaft: "Wir haben für die weitere Expansion die Vossnet AG gegründet", heißt es lapidar in der Pressemitteilung. Auf die neue Rechtskörperschaft geht man jedoch nicht weiter ein.

Bleibt dreierlei festzuhalten. Erstens hat sich Vossnet offensichtlich bemüht, über die Kooperation mit der ares Energie AG - eigenen Angaben zufolge rund 28.000 Kunden - eine Übergangslösung einzurichten und den Kunden zumindest eine "kleine Brücke" zu bauen. Zweitens muss Vossnet binnen der nächsten zwei bis drei Wochen unter Beweis stellen, dass man wirklich in der Lage ist, binnen der vereinbarten sechs Monate Strom liefern zu können - die ersten Verträge wurden schließlich im August und September des vergangenen Jahres unterzeichnet; hier stehen die Bremer in der Verantwortung, hier muss das Unternehmen seine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen.

Und drittens ist ares-Vorstand Andreas Rose uneingeschränkt zuzustimmen, der heute sagte: "Wir sind der Auffassung, dass der Zusammenbruch eines neuen Stromanbieters verhindert werden muss, da dies zweifelsohne den gesamten Prozess der Liberalisierung nicht nur stören, sondern erheblich zurückwerfen würde". Dieser Meinung sind freilich auch andere Anbieter, besteht doch die Gefahr, dass der Verbraucher alle Newcomer "in einen Topf" wirft und der Wechsel des Stromanbieters als regelrechtes "Wild-West-Abenteuer" betrachtet wird. Klar aber ist: Der "Fall Vossnet", wie immer er auch ausgehen mag, hinterlässt Spuren - hier hat ein ebenso junger wie instabiler Markt ersten Schaden genommen.

Thomas Liebau