Industriestandort

Alte Kernkraftwerke: Schlussverkauf in Lubmin

Fast 16 Jahre nach Abschaltung der Kernkraftwerke Lubmin bei Greifswald (Vorpommern) und Rheinsberg (Brandenburg) geht der Rückbau der kerntechnischen Anlagen, inklusive der Entsorgung der radioaktiven Altlasten, seinem Ende entgegen. Es zeichnet sich das Entstehen eines großen Industriestandorts ab.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Lubmin (ddp/sm) - Inzwischen seien knapp 181 000 Tonnen Material demontiert worden, sagte Dieter Rittscher, Chef der Energiewerke Nord GmbH (EWN), heute in Lubmin. Damit seien zwei Drittel des ursprünglichen Entsorgungsauftrages erledigt. Bis 2010 werden die fünf Blöcke in Lubmin komplett entleert sein. Insgesamt rund 3,2 Milliarden Euro wird der Bund dann in den Rückbau der ostdeutschen Atomkraftwerke investiert haben.

Rittscher, der vor zwölf Jahren am Greifswalder Bodden antrat, um das atomare Erbe der DDR zu entsorgen, sieht sich inzwischen zunehmend mit den Aufgaben eines Immobilienhändlers konfrontiert. Denn die in Bundesbesitz befindliche Immobilie in Lubmin, ein rund 200 Hektar großes und komplett erschlossenes Areal, soll wiederverwertet werden. Nach jahrelangen Verhandlungen mit potenziellen Investoren zeichnet sich ab, dass in Lubmin der größte Industriestandort Mecklenburg-Vorpommerns entsteht, mit Schwerpunkt Energiewirtschaft.

Spätestens seit der Inbetriebnahme des neuen Hafens, der für 36 Millionen Euro im früheren Auslaufkanal des Atomkraftwerks entstand, geben sich bei Rittscher die Unternehmer die Klinke in die Hand. Der EWN-Chef zeigt ihnen dann eine Karte vom früheren Betriebsgelände, die an einen bunten Flickenteppich erinnert. EWN zog sich auf ein nur noch 30 Hektar großes Areal zurück. Um diese Kernzone herum gruppieren sich Flächen, die an Investoren verkauft wurden oder für die Kaufoptionen bestehen.

Es herrscht eine Art Schlussverkauf in Lubmin: 24 Hektar wurden für die Anlandestation der bis 2010 entstehenden, rund 1200 Kilometer langen Erdgasleitung von Russland durch die Ostsee nach Deutschland reserviert. Gleich daneben sollen zwei 1200-Megawatt-Gaskraftwerke entstehen, die zusätzlich an eine über Berlin geplante Gas-Trasse angeschlossen werden. Im Süden hat inzwischen der Bau einer Biodiesel-Raffinerie begonnen, mit der die Firma Ecanol ab 2007 aus Raps jährlich bis zu 67 Millionen Liter Kraftstoff herstellen will. Am Einlaufkanal nahm BP Solar eine 1,8-Megawatt-Solaranlage in Betrieb. Der spanische Abengoa-Konzern sicherte sich eine Option für eine Bioethanol-Anlage. Zudem plant die sächsische Choren-Gruppe, in Lubmin eines der weltweit größten Werke für synthetischen Diesel zu errichten. Am Bodden will sich ein Bootsbauer ansiedeln, und am Hafen werden 31 Hektar Fläche für ein Steinkohlekraftwerk freigehalten.

Selbst das ehemalige Maschinenhaus hat eine Zukunft. Derzeit wird die 1000 Meter lange Turbinenhalle für den Bau von Schiffsmodulen vorbereitet. Die Sektionen sollen später über den sieben Meter tiefen Hafen zu den ostdeutschen Werften verschifft werden. Auch das inzwischen von Brennelementen geräumte atomare Nasslager soll ab August zurückgebaut werden. Das Areal sei ebenfalls schon vergeben, sagt Rittscher. In dem Nasslager waren fast 5000 abgebrannte Brennelemente in speziellen Wasserbassins deponiert worden.

Auch wenn sich manches Projekt verzögert - für Rittscher scheint sicher, dass in den kommenden drei Jahren in Lubmin etwa 600 bis 800 neue Arbeitsplätze entstehen werden, etwa so viele, wie zur gleichen Zeit bei EWN abgebaut werden. Weil inzwischen fast alle Freiflächen vergeben wurden, will Rittscher ein weiteres Gelände zum potenziellen Industriestandort machen: "Wir wollen mit den benachbarten Kommunen darüber sprechen, ob wir nicht auch das 180 Hektar große Waldgelände südlich des Kernkraftwerks vermarkten sollten."

Von ddp-Korrespondent Ralph Sommer