25.11.2010, 11:20 Uhr

Strom-News

Öffentlicher Gegenwind

AKW-Angestellte beklagen Negativimage ihrer Branche

Seit die Regierung beschlossen hat, die Atomlaufzeiten zu verlängern, gehen immer mehr Menschen auf die Barrikaden. Die Angestellten im AKW Grohnde beklagen nun eine "Scharfmacherei" in den Medien und machen diese verantwortlich für die aufgeheizte Stimmung. Dem widerspricht ein Medienexperte.

Grohnde (dapd/red) - Hin und wieder unterbricht der Signalton eines Sodars die über dem Kernkraftwerk Grohnde liegende Ruhe. Das Gerät informiert über die Windstärke auf dem Gelände. Das unweit der niedersächsischen Gemeinde Emmerthal liegende Grohnde gehört zu Deutschlands 17 Kernkraftwerken (KKW), deren Mitarbeiter derzeit einen zunehmend unangenehmen öffentlichen Gegenwind verspüren. Die beschlossene Laufzeitverlängerung bringt immer mehr Atomkraftgegner auf die Barrikaden. Die Angestellten in den Kraftwerken, deren Arbeitsplätze von den politischen Entscheidungen abhängen, fühlen sich von einer ihrer Ansicht nach schlecht informierten Öffentlichkeit unfair behandelt.

Im Leitstand, dem "Gehirn" des KKW Grohnde, sitzt Reaktorfahrer Dieter Kreye. Er will gleich einmal klarstellen: "Die Scharfmacherei in den Medien und eine extrem einseitige Berichterstattung haben die Lage doch erst dermaßen aufgeheizt", findet er. Die Medien ließen sich von den Atomkraftgegnern missbrauchen. Sein Schichtleiter Dominik van Meegen versucht zwar, versöhnlichere Töne anzustimmen. "Ich habe es aufgegeben, andere zur Kernkraft bekehren zu wollen", sagt er. Aber es frustriere ihn schon, dass das Thema von vornherein verteufelt werde.

Experte sieht keine einseitigen Berichte

Dem widerspricht Wolfgang Mühl-Benninghaus vom Institut für Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von einer einseitigen Berichterstattung der Medien in Sachen Atomkraft könne keine Rede sein. Das große Interesse an den Castor-Protesten beispielsweise liege an der "Hinterzimmer-Politik" der Bundesregierung, die den alten Atomvertrag einseitig und ohne Einbeziehung der Bürger aufgekündigt habe. "So wie die baden-württembergische Landesregierung 'Stuttgart 21' alleine durchdrücken wollte", sagt Mühl-Benninghaus.

Kraftwerk Das aus ihrer Sicht einseitige Image in der Öffentlichkeit stößt den AKW-Angestellten zunehmend auf.

Dennoch sieht man sich im KKW Grohnde vor allem mit einer schlecht informierten Bevölkerung konfrontiert. "Die Leute haben in der Regel keine Vorstellung davon, wie hoch die Sicherheitsvorkehrungen sind", sagt Schichtleiter van Meegen. Es gebe manuelle sowie computergesteuerte Sicherheitssysteme, einen dicken Betonpanzer um den Reaktor und Vernebler, die im Falle eines Luftangriffs die gesamte Anlage hinter einer dicken Rauchwand verstecken. Auch sei das Problem der Endlagerung des Atommülls keinesfalls unlösbar. Die Behälter, in denen der atomare Abfall zur permanenten Aufbewahrung eingeschlossen wird, hielten den extremsten Bedingungen stand.

Den Ängsten in der Bevölkerung wolle E.ON als Hauptbetreiber des KKW mit Aufklärung und Transparenz entgegenwirken, sagt Claus Sievert, der in Grohnde für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Es gibt Besucherführungen und zahlreiches Infomaterial. Sogar eine Broschüre mit dem Titel "Warum Tschernobyl bei uns nicht passieren kann" liegt im Besucherzentrum aus. In Deutschland wäre der Tschernobyl-Reaktor wegen der niedrigen Sicherheitsstandards niemals genehmigt worden, heißt es darin. "Ich würde mich wohler fühlen, wenn Deutschland mit seinen hohen Sicherheitsstandards auch weiterhin in der Kernkraft bleibt", sagt Sievert.

AKW-Gegner kooperieren mehr mit Presse

Das hofft auch van Meegen. Ins Ausland würde er nur ungern gehen, obwohl er als deutscher Kernkraft-Spezialist dort sehr gefragt wäre. Er schloss seine Ausbildung zum Schichtleiter vor anderthalb Jahren ab und leitet in Grohnde ein neunköpfiges Team, das im Leitstand für Betrieb und Sicherheit des KKW verantwortlich ist. Für ihn ist es ein Traumberuf und Kernkraft keine Brücken-, sondern Zukunftstechnik. Sie sei sauber, billig und mit kalkulierbarem Risiko. Nach derzeitigem Stand könnte er seinen Traumjob noch bis 2032 ausüben. "Aber jede neue Bundesregierung kann die Vereinbarung wieder kippen", sagt van Meegen.

Um dies zu erreichen, wollen (nicht nur) die radikalen Atomkraftgegner ihre Proteste weiter fortsetzen. In deren Lager hat man von Journalisten inzwischen eine bessere Meinung. Die Proteste gegen den jüngsten Castor-Transport von Frankreich ins Zwischenlager in Gorleben seien vor allem dank der Zusammenarbeit mit den Medien ein voller Erfolg geworden, sagt Tadzio Müller von der Kampagne "Castor schottern". In der Protestkultur der radikalen Linken, die der bürgerlichen Presse bisher misstrauisch gegenübergestanden habe, habe ein Umdenken stattgefunden, erklärt der 34-Jährige. Nicht nur die Pressestellen der großen Konzerne, auch die Atomkraftgegner setzen auf die Berichterstattung der Medien. Wie lange noch die Atomkraftwerke laufen werden, scheint weiter völlig unklar. Solange Dominik van Meegen noch seinen Job hat, werden sicher auch die Proteste weitergehen.

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