"Liebe Angela"

Abgaswerte: Autolobby schreibt Bettelbrief an Merkel

Deutschlands Autoindustrie hat im Kampf gegen schärfere EU-Abgasregeln Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem persönlichen Brief um Hilfe gebeten. Deutschland dürfe sich seine Autobranche mit ihrem starken Oberklasse-Segment nicht durch "willkürlich gesetzte Grenzwerte buchstäblich kaputtregulieren lassen".

Autoversicherung© Thaut Images / Fotolia.com

Frankfurt/Main (AFP/red) - Das schrieb der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, in einem Brief an Merkel, aus dem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag zitierte. 60 Prozent der Arbeitsplätze bei den Autoherstellern in Deutschland hingen von der Produktion von Oberklasse-Autos ab.

Wissmann forderte in dem Schreiben, in dem er dem Bericht zufolge Merkel als "Liebe Angela" anredete, die bis zum Jahr 2025 geplanten verschärften Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß zu verhindern. Ein für die deutschen Hersteller wichtiges Thema sei "ein Verzicht auf die heutige Grenzwertfestlegung für 2025", schrieb Wissmann laut "FAZ". Daneben wolle die Branche bessere Möglichkeiten, besonders umweltfreundliche Autos wie Elektrofahrzeuge stärker auf die Verbrauchsdaten ihrer Fahrzeugflotten anzurechnen als bislang.

Künstliche Messverfahren beibehalten wollen

Weiterhin fordere die Branche die "Sicherstellung eines verlässlichen Messverfahrens" für den Kohlendioxid-Ausstoß von Autos, schrieb Wissmann dem Bericht zufolge. Damit dürfte der Cheflobbyist der deutschen Autobranche darauf anspielen, dass die Branche Messverfahren wie heute unter Laborbedingungen beibehalten will. Autofahrerverbände kritisieren seit langem, dass der tatsächliche Verbrauch von Autos im Straßenverkehr oft deutlich über den Verbrauchsangaben der Hersteller liegt, die nach EU-Vorgaben im Labor ermittelt werden.

Der VDA wollte nicht bestätigen, dass sich der Verband mit einem Brief an Kanzlerin Merkel richtete. Die Lobbyorganisation verwies lediglich auf eine Presseerklärung von Ende April, in der sie mit Blick auf CO2-Grenzwerte unter anderem forderte, es sollten derzeit "keine Vorgaben gemacht werden, die über das Jahr 2020 hinausgehen".

Kritik an "Wehklagen" der Industrie

Ende April hatte der Umweltausschuss im Europaparlament einen Vorschlag der Brüsseler EU-Kommission zu strengeren Abgasvorschriften für Autos gebilligt. Eine deutliche Mehrheit der Abgeordneten hatte sich dafür ausgesprochen, den CO2-Grenzwert für Neuwagen ab 2020 von derzeit 130 Gramm pro Kilometer auf dann 95 Gramm zu reduzieren. Ab 2025 sollen noch strengere Grenzwerte gelten - zwischen 68 und 78 Gramm pro Kilometer.

Die Grenzwerte stellen die maximalen Durchschnitts-Emissionen dar, die die gesamte produzierte Neuwagenflotte eines Autobauers in der EU einhalten muss. Die Unternehmen sollen damit angehalten werden, neben älteren und schwereren Modellen mit höherem CO2-Ausstoß genügend sauberere Autos zu entwickeln.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte, Kanzlerin Merkel solle sich "vom Wehklagen der deutschen Autohersteller nicht beeindrucken lassen". Bereits vor Beschluss der heute gültigen Grenzwerte habe die Autoindustrie behauptet, die Vorgaben würden die deutschen Hersteller kaputtregulieren. Tatsächlich würden die Hersteller die künftigen CO2-Ziele für 2020 schon vor dem Zieldatum erreichen. Ein CO2-Ziel für 2025 sei deshalb "der beste Weg, spritsparende Autos und die Elektromobilität zu fördern".

Quelle: AFP