Tschernobyl oder der erste Super-GAU

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist nun schon einige Jahrzehnte her. Trotzdem gehört dieses Thema immer noch zu den brisantesten seiner Art. Was im Jahre 1986 geschah und wie es heute in Tschernobyl aussieht, lesen Sie hier.

Paukenschlag in der Atomkraft: der GAU von Tschernobyl

Strom aus Atomkraftwerken gilt als vergleichsweise günstig und umweltfreundlich. Doch die Reaktoren stellen eine ganz andere Gefahr dar: Bei der Stromerzeugung wird Radioaktivität frei. Diese bleibt grundsätzlich im Reaktorkern, abgeschirmt von der Umwelt durch meterdicke Stahl- und Betonwände. Geht im Atomkraftwerk jedoch etwas schief, droht die Radioaktivität nach außen zu dringen. So auch im Jahr 1986 in Tschernobyl.

Harmloser Test geplant

Zum Zeitpunkt des Atomunfalles waren in Tschernobyl vier Reaktoren in Betrieb und zwei weitere im Bau. Man hatte im Reaktorblock 4 einen Versuch geplant, der zeigen sollte, dass bei einem eventuellen Stromausfall die Notstromaggregate einwandfrei funktionieren würden. Diese sind so wichtig, weil sie die Kühlung der Atomkraftwerke aufrechterhalten, ohne welche die Reaktorkerne überhitzen und eine Kernschmelze droht.

Wie es zum GAU in Tschernobyl kam

Um den Test durchzuführen, fuhr man den Reaktor herunter. Zeitweise produzierte man im Reaktorblock 4 nur noch rund vier Prozent der Nennleistung. Das Problem dabei: Auf eine solche Drosselung sind Graphitkerne nicht ausgelegt, da sie besonders empfindlich gegenüber Leistungsschwankungen sind. Auf diese Weise bildeten sich Stoffe, mit welchen man nicht kalkuliert hatte. Normalerweise hätte das Sicherheitssystem dies erkannt. Dieses war jedoch aufgrund des Tests ausgeschaltet. Die Temperatur stieg weiter.

Bauweise des Reaktors wird zum Verhängnis

Um die Temperatur wieder zu stabilisieren, wollte man die Stellung einiger Graphitstäbe ändern. Graphit hat als Regler jedoch ein Problem: Je nach Stellung im Reaktorbecken entsteht mehr oder weniger Wärme. Die Stellungsänderung der Stäbe geht nur sehr langsam vonstatten, so musste das Graphit auch an dem Punkt mit der höchsten Reaktivität vorbei. Dabei wurde so viel Energie frei, dass es in der Nacht des 26. April zur Explosion kam.

Bei der Explosion wurde der Schutzmantel des Reaktors zerstört, Radioaktivität konnte in die Umwelt entweichen. Doch nicht nur durch die Explosion wurde die Umgebung kontaminiert. Die Situation verschlimmerte sich noch einmal, als etwa 250 Tonnen Graphit mit dem Sauerstoff der Luft reagierten und Feuer fingen.

Maßnahmen zur Eindämmung der Radioaktivität

Bereits einen Tag nach der Explosion begann man, den Unfallreaktor mit Lehm und Sand zu verschütten. So sollte verhindert werden, dass weiterhin große Mengen Radioaktivität in die Umwelt gelangten. Etwa einen Monat später begann man mit Aufräumarbeiten rund um den Reaktor und mit der Versiegelung. Der Kern war geschmolzen und fraß sich langsam durch die Ummantelung. Deswegen untertunnelte man den gesamten Reaktor, um diesen zu kühlen. Aufgrund zu hoher Strahlungswerte füllte man schließlich jedoch nur Beton in die Tunnel. Im Jahr 2012 begann man mit dem Bau eines neuen Sarkophags, da der alte zu bröckeln begann.

Tausende Quadratkilometer um Tschernobyl waren unbewohnbar

Erste Evakuierungsmaßnahmen ergriff man erst zwei Tage nach dem GAU. An diesem Tag wurde die nahe Arbeiterstadt geräumt. Bis zum dritten Mai folgten alle Anwohner in zehn Kilometer Umkreis, ab dem vierten Mai evakuierte man die Landstriche bis zu 30 Kilometer um den Reaktor. Man schätzt, dass 600.000 Menschen hoher Strahlung ausgesetzt waren. Etwa 10.000 Menschen starben an den Folgen der Verstrahlung, man schätzt, dass weitere 125.000 schwer erkrankt sind.

Trotz des Rückkehrverbots kehrten einige Menschen in die Sperrzone zurück. Sie versorgten sich weitestgehend selbst und führten ein ganz normales Leben, sie glaubten nicht an die Radioaktivität.

Derzeit wird eine zweite Schutzkuppel über der Ruine errichtet, um vor der radioaktiven Strahlung zu schützten. Bis Ende 2017 soll sie fertig gestellt sein. Mittlerweile reisen Touristen in das Gebiet.

Nicht nur die Ukraine ist betroffen

Auf der gesamten Nordhalbkugel stiegen die Strahlungswerte nach der Katastrophe von Tschernobyl an. Radioaktivität hält sich nicht an menschengemachte Grenzen. Anfänglich wusste man nicht, woher die erhöhten Werte kamen, da die Sowjetunion eine Nachrichtensperre verhängt hatte. Der GAU wurde erst in den Abendnachrichten des 28. April bekannt. Unverfälschte Bilder erhielt man erst am ersten Mai. Noch heute kann man radioaktive Isotope aus Tschernobyl in zahlreichen Ländern nachweisen. Besonders betroffen vom radioaktiven Fallout waren Gebiete, in welchen es in den Wochen nach dem GAU regnete, darunter auch Teile Deutschlands. Besonders Bayern war vom radioaktiven Fallout stark betroffen. Noch heute findet man in Pilzen und Wildfleisch unzulässig hohe Strahlungswerte.

Tschernobyl verstärkt die Anti-Atomkraft-Bewegung

Schon vor Tschernobyl wusste man, dass Atomkraftwerke im Ernstfall nahezu unkontrollierbar sind und eine große Gefahr für die Bevölkerung darstellen können. Nach dem GAU von Tschernobyl verstärkte sich der Widerstand gegen Atomstrom in der Bevölkerung.

Regierungen zahlreicher Länder prüften die Sicherheit ihrer eigenen AKWs, Forschungsgruppen wurden ins Leben gerufen, unter anderem, um die Auswirkung der Atommeiler auf die Umgebung zu prüfen. In Deutschland bildete man zu diesem Zeitpunkt sogar das Umweltministerium, um solchen und ähnlichen Fragen nachgehen zu können.

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