Atomenergie: Vom Hoffnungsbringer zum schwarzen Schaf

Atomenergie gehört spätestens seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima zu der umstrittensten Form der Stromerzeugung. Zu Beginn jedoch galt die Atomkraft als besonders günstig und sauber.

Als in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hierzulande die ersten Atomkraftwerke den Betrieb aufnahmen, galt die Technik als billige und saubere Alternative zur Kohleverstromung. Die Atomenergie schien viele Probleme zu lösen - doch dann kam Tschernobyl.

Der Kampf gegen den Atomstrom hatte schon von Beginn an die Menschen auf die Straße gebracht, doch mit dem Super-GAU in der Ukraine 1986 erhielt die Anti-Atom-Bewegung einen weiteren Schub. Die Atomlobby ließ sich davon jedoch nur wenig beeindrucken - menschliches und nicht technisches Versagen, ein aus dem Ruder gelaufener Test, sei der Grund für den Atomunfall in Tschernobyl gewesen. In hochindustrialisierten Ländern könne so etwas nicht passieren, Atomstrom sei billig und sicher, hieß es - doch dann kam Fukushima.

Wie sich das Image vom sauberen Atomstrom wandelte

Mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima erhielt das Image von der sauberen, sicheren und billigen Technik gravierende Risse, zumindest in Deutschland. Atomstrom war plötzlich out, der Zulauf zu Ökostrom sehr stark. Dass in einem hochentwickelten Land wie Japan solche Schlampereien passieren konnten, die viele Menschen das Leben und die Heimat gekostet hatten, rüttelte auch manche Menschen auf, die zuvor nicht am Atomstrom gezweifelt hatten. So auch die promovierte Physikerin Dr. Angela Merkel, die kurz nach dem Unglück ein Moratorium verkündete und die sieben ältesten deutschen Meiler vorübergehend vom Netz nehmen ließ. Der zuvor schon als "Pannenmeiler" apostrophierte Reaktor in Krümmel war ohnehin bereits abgeschaltet.

Wie viel Atomenergie braucht Deutschland?

Nun sollten alle Meiler einem mehr oder minder gründlichen Test unterzogen werden, zudem wurde eine Ethikkommission eingesetzt. Dem Atomstrom - oder jedenfalls seinem Saubermann-Image - drohte das Aus. Verkündet wurde der Ausstieg aus der Verlängerung des Atomausstiegs dann im Frühsommer 2011: Die acht ältesten deutschen Meiler blieben abgeschaltet und gingen nie wieder ans Netz. Stufenweise sollen alle weiteren Atomkraftwerke bis 2022 abgeschaltet werden. Schluss mit Atomstrom, so schnell wie möglich, schien die Devise. Doch würde das so einfach gehen, acht von 17 Anlagen quasi auf einen Schlag abzuschalten, gingen dann nicht die Lichter aus? Würde man große Mengen Atomstrom aus Frankreich importieren müssen? Vor allem konservative Kreise, aber auch die Schwerindustrie, die aufgrund des geplanten Ausbaus der nicht grundlastfähigen Wind- bzw. Sonnenergie ohnehin einen Blackout fürchtet, meldeten sich kritisch zu Wort.

Atomstrom wird importiert, Ökostrom exportiert

Doch der Wegfall der ältesten Meiler konnte ohne große Probleme kompensiert werden. Das liegt zum einen daran, dass fossile Energien wie Braun- oder Steinkohle nach wie vor einen festen Platz im deutschen Energiemix haben - Atomstrom deckte vor dem Moratorium gut 20 Prozent des Energiebedarfs in Deutschland, ein großer Anteil entfällt nach wie vor auf die Kohleverstromung ( rund 25 Prozent). Zum anderen wurde schon immer sowohl Strom importiert (zu Schwerlastzeiten) als auch exportiert. Weiterhin ermöglicht eine Steuerung des Stromflusses durch die Netzgesellschaften ein relativ flexibles Zu- und Abschalten zusätzlicher Kapazitäten. Nachdem der Anteil an Atomstrom zeitweilig auf rund elf Prozent gesunken war, habe man häufiger eingreifen müssen als bislang, so die Netzbetreiber. Viele Marktbeobachter halten die Warnung vor einem Blackout gleichwohl für übertrieben, zumal die verschiedenen Erzeugungstechniken gewissermaßen einen Pool bilden, in den sie alle eingespeist werden.

Die Mär von billiger Energie: Was kostet Atomenergie?

Nach der Katastrophe von Fukushima wurden jedoch nicht nur technische und ethische Zweifel am Atomstrom laut, sondern auch ganz banale rechnerische: So intensiv wie nie zuvor wurde plötzlich über die wahren Kosten der vermeintlich so billigen Technik berichtet. Beispielsweise wurde nun einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass man ein Atomkraftwerk gar nicht ausreichend versichern kann, weil niemand für einen GAU finanziell geradestehen könnte. Dass Atomstrom mit erheblichen Summen staatlich subventioniert wurde und dass jeder Bürger mit seinen Steuern sowohl für die Entsorgung des Atommülls als auch für die Absicherung eines jeden Castor-Transports geradezustehen hat, ist Gegnern der Technik ohnehin unverständlich. Verschiedenen Berechnungen zufolge müsste die Kilowattstunde Atomstrom zwischen 0,1 und 320 Cent pro Kilowattstunde kosten. Die meisten Szenarien gehen von 10 bis 30 Cent aus. Dieser Unterschied kommt zustande, weil die Studien von verschiedenen Werten bei der Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Katastrophe und der möglichen Schadenshöhe ausgehen. Inklusive dieser Kosten wäre Atomstrom wahrscheinlich die teuerste Variante bei der Stromerzeugung.

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