Todesstoß

Nabucco unterliegt im Gas-Poker

Die EU erleidet mit ihrem groß angekündigten Nabucco-Projekt eine Niederlage, als nach jahrelangem Gas-Poker Aserbaidschan die Karten auf den Tisch legt. Gleichwohl versucht man sich in einer politischen Umdeutung der Entscheidung hin zu TAP. Zufrieden ist man hingegen in Russland.

Gasfeld© Jim Parkin / Fotolia.com

Baku/Moskau (dpa/red) - Totgesagt haben Gasprofis immer wieder das von der Europäischen Union so intensiv befeuerte Projekt Nabucco. Nun macht die wegen ihrer Öl- und Gasvorräte vom Westen stark umworbene Republik Aserbaidschan am Kaspischen Meer klar Schiff. Mit jahrelanger Verzögerung ist jetzt klar, dass die Trans-Adria-Pipeline (TAP), ein vertrauter Partner Aserbaidschans, den Zuschlag für die Gastransporte nach Westen bekommt. 2019 soll es losgehen.

"Heute wurden wir Zeugen, wie das Nabucco-Projekt, von dem zehn Jahre lang die Rede war, zu Grabe getragen wurde. Es ist gut, dass es das Vorhaben nicht mehr gibt", sagte der Chef des russischen Gasmonopolisten Gazprom, Alexej Miller, am Freitag auf eine Frage der Nachrichtenagentur dpa in Moskau. Bei der Jahreshauptversammlung betonte er, dass der Konzern keine Angst vor Konkurrenz habe.

Auch TAP könne South Stream nicht verhindern

Auch der Zuschlag für das kaum bekannte TAP-Projekt werde nicht die große South-Stream-Leitung durch das Schwarze Meer nach Westen verhindern, betonte Miller. Russland werde die geplanten 63 Milliarden Kubikmeter Gas künftig für die Leitung ohne Probleme aufbringen. Die Russen zeigten sich vor allem deshalb erleichtert, weil TAP im Gegensatz zu Nabucco nicht als geopolitisches Projekt gilt. Die EU hatte stets deutlich gemacht, Nabucco solle eine größere Unabhängigkeit von Russland gewährleisten.

Für die Ex-Sowjetrepublik Aserbaidschan, die wegen ihrer autoritären Politik international in der Kritik steht, ist dies dennoch ein historischer Durchbruch. Nach Öl soll künftig auch Gas vom Kaspischen Meer in die EU strömen - nach Deutschland inklusive.

Unklarheiten bestanden von Anfang an

TAP will in einem ersten Schritt zehn Milliarden Kubikmeter Gas transportieren. Nabucco hätte das Dreifache leisten müssen, um rentabel zu sein. Von Anfang an war unklar, woher die 31 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich hätten kommen sollen. Für die von der EU ebenfalls angepeilten Gas-Vorräte in der Diktatur Turkmenistan hätte zudem eine Leitung durch das Kaspische Meer gelegt werden müssen. Die Atommacht Russland als Anrainer warnt vor einem solchen Schritt.

Die EU versuchte ihre Niederlage jetzt dennoch in eine Erfolgsgeschichte umzumünzen. Auch über TAP werde das wichtige Ziel erreicht, Russland zu umgehen und damit unabhängiger von Gazprom zu werden.

Wie Experten bei BP betonen, die das aserbaidschanische Konsortium Shah Deniz II in Baku führen, ist die Entscheidung für TAP vor allem eine wirtschaftliche. Das islamisch geprägte Land an der Grenze zum Iran steht in einer langen Tradition, sich als kleines Land um einen Ausgleich zwischen Ost und West zu bemühen. Konflikten mit mächtigen Nachbarn, darunter auch Russland, will es aus dem Weg gehen.

Wie politisch war die Entscheidung?

Womöglich auch wegen der politischen Tragweite von Nabucco dürfte sich Aserbaidschan zunächst für den kleinen Schritt nach Westen entschieden haben. Staatschef Ilcham Alijew steht im Herbst zur Wiederwahl. Das Regime in Baku reagiert stets gereizt, wenn aus der EU Kritik an Menschenrechtsverstößen in dem Südkaukasusstaat kommt.

Insgesamt aber sieht die aserbaidschanische Führung die Türen zum Westen durch den Energieverkauf jetzt weiter geöffnet denn je. Der staatliche Energiekonzern Socar meint, die TAP-Leitung könnte nur der Anfang sein. "Aserbaidschan hat große Vorräte. Im Ergebnis der Erschließung von künftigen Feldern wie Apscheron, Umid, Schafag-Assiman wächst der Export von Gas beträchtlich", sagte Socar-Präsident Rownag Abdullajew am Freitag.

Wohl auch deshalb sprachen besonders bei Socar die Experten erneut davon, dass bei steigendem Bedarf im Westen eine kleinere Variante von Nabucco noch denkbar sei. Von einem möglichen Vorhaben "Nabucco-West" wollte sich dort keiner vollkommen verabschieden.

Quelle: DPA