Berechnungen

Gasmarkt-Studie: Wachstumsprognosen zu optimistisch

Über ein Drittel des für Europa prognostizierten Gasverbrauchs steht einer aktuellen Studie zufolge zur Diskussion. Investitionen von bis zu 400 Milliarden Euro seien in Frage gestellt, so Booz Allen Hamilton. Wesentlichen Einfluss auf die künftige Nachfrage habe die aktuelle CO2-Diskussion.

Gaspreise© photoGrapHie / Fotolia.com

München (red) - Die bislang optimistischen Vorhersagen zum Gasverbrauch in Europa müssen nach einer nalyse der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton weitaus differenzierter betrachtet werden: Für 2030 seien bis zu 37 Prozent des europäischen Gasverbrauchs, das entspricht 350 Milliarden Kubikmeter, an zu eng gefasste Szenarien geknüpft - und deren Eintritt sei im Augenblick alles andere als sicher.

Diese 37 Prozent entsprechen einem jährlichen Umsatzvolumen von 75 bis 80 Milliarden Euro, dem fünffachen Wert der geplanten durchschnittlichen jährlichen Investitionssumme in den europäischen Gasmarkt. Die Erwartungen zeigen große nationale Differenzen, die auf unterschiedlichste Faktoren zurückgingen. Der prognostizierte Gasverbrauch, an den auch entsprechende Investitionen geknüpft sind, trete vor allem in Ländern mit aggressiven Expansionsplänen bei der Nutzung von Gas nicht ein. Hierzu zählten insbesondere Deutschland, Italien und Großbritannien.

Gas gegenüber anderen Rohstoffen benachteiligt

Das größte Problem ist laut der Analyse die Wirtschaftlichkeit von Gas im Vergleich zu alternativen Brennstoffen. Der Gaspreis sei an den Ölpreis gebunden – und sein derzeit hohes Niveau mache sowohl die Errichtung als auch den Betrieb der Gaskraftwerke unrentabel. Der Betrieb von Gaskraftwerken wird durch die Wettbewerbsfähigkeit der variablen Kosten, in die neben dem Brennstoff vor allem auch die Kosten für Emissionen von Treibhausgasen eingehen, bestimmt. Obwohl bei der Verbrennung von Gas deutlich (zirka 50 Prozent) weniger CO2 als bei der Verbrennung von Steinkohle entsteht, sei Gas bei derzeitigen Preisprognosen stark benachteiligt. Erst bei einem Anstieg der CO2-Kosten auf über 45 Euro pro Tonne, das entspricht mehr als dem Zwei- bis Dreifachen der derzeitigen mittel- und langfristigen Markterwartungen, wären die Kosten der Stromerzeugung durch Gas gleichauf mit denen der Stromversorger.

Investitionen in Gasinfrastruktur ohne Grundlage

Angesichts der enormen Bandbreite bei den Prognosen zum Gasabsatz seien langfristige Investitionen in die europäische Gas-Infrastruktur – bis zu 400 Milliarden Euro in den nächsten 25 Jahren – in Frage gestellt. So ergibt die Studie, dass davon nicht allein neue Projekte wie die Ostsee-Pipeline oder die Erdgaspipeline Nabucco von der Türkei bis in das Verteilerzentrum der österreichischen OMV betroffen sind. Die Rentabilität zahlreicher Flüssiggasterminals, die Europa Zugang zu neuen Gasquellen, wie zum Beispiel in Qatar oder Nigeria ermöglichen, wäre ebenfalls nicht mehr gesichert.

Verbrauchsprognosen der Industrie unsicher, Privatnachfrage stagniert

Die Verbrauchsprognosen energieintensiver Branchen wie der Papier-, Stahl- oder Chemieindustrie stehen der Studie zufolge ebenfalls zur Diskussion. Demnach könnte ein Viertel der prognostizierten Gasnachfrage aus diesem Marktsegment bis 2030 nicht realisiert werden. Denn bei Industriekunden stünden niedrigere Energiekosten ganz oben auf der Management-Agenda. So könne es sein, dass der Gasverbrauch durch energiesparende Produktionsverfahren gesenkt und der gesamte Energiemix durch neue Prozesse völlig umgestellt wird. Die zukünftige Nachfrage der Haushaltskunden sei hingegen überwiegend stabil, denn sie hätten nur wenige Alternativen zu Gas. Viele Verbraucher fürchteten zudem schlicht die Kosten, die mit der Umstellung auf ein anderes Heizungssystem verbunden wären. Neben dem Trend zur Nutzung erneuerbarer Energien spreche die Tatsache, dass viele Privathaushalte in Europa gar nicht an ein Gasnetz angeschlossen sind, für wenig oder gar kein Wachstum der Nachfrage nach Gas.

Gemeinschaftliches Vorgehen von Produzenten und Verbrauchern

Booz Allen Hamilton empfiehlt eine engere Kooperation zwischen Anbietern und Verbrauchern, etwa durch Joint Ventures zum Bau gasbasierter Stromwerke. Erste Projekte, wie ein 800 MW Gaskraftwerk der Gazprom in Zusammenarbeit mit Soteg in Eisenhüttenstadt, sind bereits angekündigt. Gasproduzenten erlangen dadurch direkten Zugang zum Strommarkt und profitieren vom Know-how etablierter Stromerzeuger. Diese können dadurch einen Teil des Risikos, unrentable Kraftwerke gebaut zu haben, abgeben. Ein wesentlicher Treiber für die Wettbewerbsfähigkeit von Gas und damit essenziell für die Erreichung des bislang prognostizierten Verbrauchsanstieges sei die Gestaltung der CO2-Regelungen für Gas im Vergleich zu allen anderen fossilen Brennstoffen. Die staatlichen Institutionen könnten durch verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass die erforderlichen Investitionen in die Gasinfrastruktur und die Stromerzeugung realisiert werden.